Ich erkannte dich.

Der Alltag mit dir ist anstrengend. Auf den ersten Blick wirkst du so sanft und weich. Das war es jedenfalls, was ich dachte, als du in den Klassenraum kamst und ich von meinem Mathebuch aufblickte. Ich kannte nicht einmal deinen Namen, aber ich erkannte dich. Ich erkannte dich.

Es waren noch ein paar Plätze ganz vorne frei und einer bei einer Horde schnatternder Mädchen, von denen ich mit einer in der Mittelstufe mal was gehabt hatte. Celine. Schon der Name hätte mich warnen sollen. Aber, wie du später einmal sagen solltest: „Es sind die Fehler, die wir begehen, die uns wirklich formen.“ Bis heute habe ich keine Ahnung, ob das wirklich von dir ist, oder von einem dieser weisen, alten Autoren, die heute keiner mehr liest, außer dir. Ich habe nicht den Mut es zu googlen, weil es dich vielleicht entzaubern könnte.

Du hast an diesem Montag im August die schnatternden Mädchen links liegen gelassen, auf den Stuhl neben mich gedeutet und gefragt: „Ist da noch frei?“ Und ich habe genickt und du hast gelächelt und dich gesetzt. Was wäre aus unserer beider Leben geworden, wenn du dich an diesem Tag nicht neben mich gesetzt hättest? Wenn wir nicht sämtliche Kurse zusammen gehabt hätten? Wenn wir uns nicht kennen gelernt und seltsam aufgehoben miteinander gefühlt hätten? Wo wären wir beide dann heute? Wären wir, wer wir sind? Besser? Oder schlechter?

„Tut mir leid, aber ich habe absolut keine Ahnung mehr, wie du nochmal heißt.“ Du hast gelächelt, dein Buch aus dem Rucksack genommen und es aufgeschlagen. Auf dem Buchdeckel, den du aufklapptest, stand in sauberen Druckbuchstaben Susanne Ginster. Nichts hätte mich mehr überraschen können. Du sahest nicht aus wie eine Susanne. Susannes taten Dinge wie „Tee aufbrühen“ oder „den Flur bohnern“, „Wein verkosten“ oder „mit dem Essen auf dich warten“. Du sahest aus wie jemand, der morgens in seine Bürste singt, Like a virgin, touched for the very first time, Milch über seine eigenen Füße verschüttet, wie jemand, der als Kind mit seinen Freundinnen so hoch geschaukelt hat, bis er das Gefühl hatte, den Himmel zu küssen.

„Darf ich dir einen anderen Namen geben?“, habe ich gefragt und du hast die Stirn in Falten gelegt, wie du es so oft getan hast, bevor du gingest. „Einen anderen Namen?“ „Ja.“ „Welchen denn?“ Du sahst ehrlich interessiert aus. Welchen Namen wird dieser seltsame Typ mir wohl geben, konnte man deinem Gesicht ablesen und ich hatte für einen kurzen Moment Freude daran, die Situation in der Hand zu haben.

„Ich finde, du solltest Frankie heißen.“ „Wenn du meinst, Nathan.“ Ich wusste nicht, wovon ich beeindruckter war: Von deinem ironischen Unterton oder von der Tatsache, dass du meinen Namen kanntest.

(Bild via.)

Advertisements

2 Comments

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s