„Die Radleys“ von Matt Haig.

Die Radleys von Matt Haig
424 Seiten, Unterhaltung
erschienen im August 2010

Inhalt: Auf den ersten Blick wirken sie wie eine ganz normale Familie: Vater Peter ist Arzt, Mutter Helen kümmert sich um die beiden pubertierenden Kinder Clara und Rowan. Doch warum erstickt Peter fast am thailändischen Salat, warum nimmt jedes Tier vor Clara Reißaus und warum kann Rowan nachts nicht schlafen und hat trotz Lichtschutzfaktor 60 Probleme mit der Haut? Das Geheimnis der Radleys ist so unfassbar wie offensichtlich: Sie sind abstinente Vampire!

Meinung: Vielleicht war es einfach nicht mein Genre. Vielleicht lag das Problem, das ich beim Lesen des Buches mit dem Buch hatte, auch ganz einfach daran, dass ich mit einer Erwartungshaltung an das Buch herangegangen war, die in keinster Weise erfüllt wurde.

Ich hatte ein Buch erwartet, das die ganzen Vampirbücher, ein Genre, das definitiv nicht das meine ist, auf die Schüppe nimmt. Ein Buch, das satirisch und locker aus einer Welt berichtet, die es nicht gibt. Was ich bekommen habe? Ein Buch, das das Genre und sich selbst unglaublich ernst und wichtig nimmt. Die Charaktere sind überzeichnet und verfallen in Stereotype – Schublade auf, Klischee raus, Schublade zu, Buch in den Druck – wie sie im Buche stehen. Will, der gedankenlose Badboy, Peter, der bodenständige Zweitewahlmann, den man zwar heiratet, aber mit dem man nicht die Abenteuer erlebt, Clara, die zarte, kränkliche Tochter, die nur eine einzige Freundin hat, die hübsche Neue, und schnell auf Abwege gerät, und Rowan, der die beste Freundin der Schwester anbetet und ansonsten Zuflucht in seiner ganz eigenen Welt, der Literatur, findet. Die Charaktere wirken nicht wirklich glaubwürdig und lebendig, alles dreht sich um Oberflächlichkeiten und endet im Schubladendenken – schöne Menschen, hässliche Menschen, beliebte Menschen, seltsame Menschen. Natürlich ist „Die Radleys“ besser als diese ganzen erotisch angehauchten Vampirromanzen ala Sookie Stackhouse (von Charlaine Harris) oder Betsy Taylor (von Mary Janice Davidson), die alle nach dem gleichen Schema ablaufen und die dennoch Teil für Teil einen immensen Absatz finden. Aber es ist nicht gut. Es wirkt an vielen Stellen viel zu gewollt lustig oder, im starken Kontrast, zu Beginn sehr stark depressiv-düster. Der Klappentext führt einen eigentlich völlig aufs Glatteis und war das lustigste am ganzen Buch.

Ich habe mich aber nicht einmal so besonders daran gestoßen, dass ich nicht das bekommen habe, was ich erwartete – das ist für mich eigentlich selten ein Problem, da ich bereit bin, mich auf vielerlei Bücher einzulassen -, nein, was mich wirklich gestört hat, war die Art, in der im Buch mit Vampirismus umgegangen wurde. Ich bin, wie eingangs erwähnt, kein Verehrer von Vampirbüchern, nicht einmal Fantasy mag ich sonderlich (ausgenommen Harry Potter), sondern lese viel Zeitgenössisches. Bücher, die sich mit dem Warum beschäftigen und was richtig und falsch ist. Vielleicht hat es mich deswegen so sehr gestört, dass vieles im Buch einfach so hingenommen und gerechtfertigt wird – so als wäre es Normalität und nichts, was in einer Welt wie dieser für Aufruhr sorgen würde. Ich beziehe mich hier auf Wills Art Menschen wahllos zu töten und damit einfach ungeschoren davon zu kommen. Vermutlich ist das allgemein mein größtes Problem an Fantasy – dass man Fantasywesen Fähigkeiten zuteil werden lassen kann, die dafür sorgen, das Unethisches ethisch wird. (Hiermit meine ich Wills Gabe, das Blutdenken, das dafür sorgt, dass er sich aus Schwierigkeiten einfach herausmanövrieren kann.) Fantasy schafft in irgendeiner Form immer eine neue Weltordnung – ich selbst beschäftige mich beim Schreiben eher mit den Problemen, die wir schon haben, ohne dass dafür eine neue Weltordnung von Nöten ist. Vielleicht bin ich einfach nicht für Fantasy gemacht. Auch gestört hat mich, dass oftmals die Beweggründe der Protagonisten völlig im Dunkeln blieben, der Autor einfach Tempo machte, obwohl es vielleicht besser gewesen wäre, Hintergründe sichtbar zu machen. Warum zum Beispiel hat Peter sich zu einer Zeit, in der er Menschen ermordete, um an ihr Blut zu kommen, dafür entschieden, als Arzt zu arbeiten? Warum wollte Helen sich so bereitwillig konvertieren lassen und war sofort bereit, sich auf den Gedanken einzulassen, dass es Vampire gibt? (Und warum ist Peter praktizierender Arzt, Helen aber hat sich als Künstlerin versucht, obwohl sie sich während ihres Medizinstudiums kennen gelernt hat?) Warum ist es Peter nicht aufgefallen, dass nicht er es war, der Helen konvertiert hat? Mir geht es bei Büchern immer um Antworten und die liefert Haig leider nicht mit.

Abschließend bin ich aber bemüht, dem Buch eine objektive, genregerechte Bewertung zuteilwerden zu lassen. Für das Genre ist das Buch gelungen, Fans von Vampirbüchern werden definitiv auf ihre Kosten kommen, da es die richtigen Zutaten enthält, um sie begeistern – Menschen, die Twilight zwar irgendwie gemocht haben, es aber insgesamt eher mit einem Augenzwinkern sehen, sollten aber definitiv nicht erwarten, dass „Die Radleys“ dies auch tut.

Positiv aufgefallen ist mir der Erzählstil – das Buch ist in viele kurze Kapitel gegliedert, die alle an einem einzigen Wochenende spielen. Das verleiht dem Buch eine gewisse Dichte, die definitiv nötig war, um die Vorhersehbarkeit des Buches zu überspielen. (Man denkt sich an einem gewissen Punkt zum Beispiel „So, und jetzt müsste die Leiche auftauchen“ und schwupps ist sie da.) Auch der Schreibstil ist angenehm, obwohl man das bei einer Übersetzung ja oftmals nicht wirklich beurteilen kann. Jedenfalls verliert sich der Autor nicht in für das Buch unpassenden übertriebenen Satzkonstruktionen und weiß, an welchen Stellen es wichtig ist, ein längeres Kapitel einzubauen und wann es ein kurzes tut.

Ein inhaltlicher Aspekt des Buches, der der kleinen Romantikerin in mir gefallen hat, war die Prägung, die zwischen einem Vampir, der einen Sterblichen in einen Vampir konvertiert, entsteht. (Auch wenn man vielleicht behaupten könnte, das sei von der Prägung, die die Werwölfe in Stephenie Meyers Werken auf Menschen entwickeln, abgekupfert.) Leider hat man diese Prägung durch die (vorhersehbare) Geschichte zwischen Helen und Will nicht wirklich ausgenutzt, daraus hätte etwas ganz Großartig entstehen können. (Aber das war gewiss nicht Haigs Absicht. Haig gab ja vor eine Satire zu schreiben, keine Schnulze. Herausgekommen ist eher ein konstruierter Vampirthriller, der all das beinhaltet, was die breite Masse normalerweise ins Kino lockt: Machtkämpfe, sowohl verbaler als auch physischer Art, Affären, wahre Liebe, gemobbte Jugendliche, Cops, die gegen das mystische Böse kämpfen, ein eindrucksvoller Showdown, Gut siegt über Böse. ENDE.)

Ich persönlich würde dem Buch, gemessen an dem, was mich literarisch schon wirklich in Extase versetzt hat, zwei Sterne geben. Objektiv, in Vergleich gesetzt zu anderen, weitaus schlechteren Vampirbüchern, verdient es aber wohl mindestens drei Sterne.

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4 Comments

  1. Ich habe nie ein einziges Vampirbuch außer „Twilight“ angerührt. Es würde mich einfach nicht interessieren, langweilen, enttäuschen. Ich meine, sogar Frau Meyer hat mich teilweise genervt, mit ihrem rumgeschnulze, das Realitätsferne liegt mir einfach nicht. Ich bleibe bei den Cullens und tue mir alles andere nicht an. Jawohl.

  2. Hmm, ich muss sagen, dass ich Fantasy generell mag. Allerdings kommt es auf das Buch an. Es muss schon eine logische Geschichte sein, hinter der etwas Tieferes steckt. Billiges Fantasy-Zeug kann auch mir gerne gestohlen bleiben 😉
    Vampir-Romane sind generell auch nicht so mein Ding. Das Einzige in der Richtung, was zwar leichte Kost war, ich aber ganz gerne gelesen habe, war der Kuss des Dämons von Lynn Raven, auch wenn es seine Schwachstellen hatte. Immerhin war die Geschichte gut durchdacht und die Charakteren glaubwürdig. Die Protagonisten mochte ich aber irgendwie nicht …
    Könntest du mir übrigens einige Bücher empfehlen, die du sehr gerne gelesen hast? Ich habe letztens mein Bücherregal aufgeräumt, wobei einige Sachen weggekommen sind, die ich sowieso nie mehr gelesen hätte. Allerdings sieht mein Regal jetzt so leer aus 😦

    Liebe Grüße,
    deine Herbstrose

  3. Ich kenne das Buch nicht und bin auch generell nicht nur auf Fanstasy versessen.
    „Vermutlich ist das allgemein mein größtes Problem an Fantasy – dass man Fantasywesen Fähigkeiten zuteil werden lassen kann, die dafür sorgen, das Unethisches ethisch wird.“
    Das ist aber doch gerade nicht in jedem Fantasybuch so. Gerade in diesen geht es doch oft um Ethik, darum mit den gegebenen Fähigkeiten das Richtige zu tun. (Als Beispiel nenne ich hier nur mal Herr der Ringe und die Frage, was man mit Macht anstellt, wenn sie einem gegeben wird.)

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