Helene Hegemann. Axolotl Roadkill.

Ich bin jemand, der sich sogar durch die schlechten Bücher kämpft, um dann hinterher wenigstens eine fundierte Rezension über das komplette schlechte Buch schreiben zu können. Aber ich habe kapituliert. Zum ersten Mal seit … vielleicht immer. Ich habe mich von Seite zu Seite gequält, immer ein paar Sätze mehr, immer eine weitere Passage und irgendwann war ich dann an einem Punkt angekommen, an dem ich wusste, dass es dieses Mal anders ist, dass ich dieses Mal nicht sagen können werde: „Vielleicht habe ich einfach einen anderen Geschmack, aber es gibt bestimmt Leute, die Spaß an diesem Buch haben.“ Diesmal kann ich nur eines sagen: Es ist eines dieser Bücher, das nicht auf irgendeiner Bestsellerliste stehen sollte, das auf keinem Nachttisch liegen sollte, das nicht in die Hände von zu jungen Lesern geraten sollte, die all das nicht zu reflektieren verstehen, das nicht auf Buchmessen beworben werden sollte, das im Optimalfall nie in den Druck gekommen wäre, kurzum: das niemand lesen sollte. Eigentlich spricht die folgende Passage schon für sich. Eigentlich müsste ich keine Rezension über das seltsamste, verkorksteste, widerwärtigste Buch, das ich je gelesen (okay: versucht zu lesen) habe, schreiben. Eigentlich könnte ich es aus dem Fenster werfen und die Sache vergessen. Aber wir wissen alle: So bin ich nicht. Deswegen mute ich euch jetzt diese Passage zu:

Wir sehen uns Fernsehausschnitte über belgische Pinguinfreaks und den Trailer für einen Film an, in dem einem achtjährigen Jungen derart penetrant in den Arsch gefickt wird, dass er ins Krankenhaus eingeliefert werden muss.
„Ey, scheiße, das klingt jetzt total blöd, aber das macht mich voll an.“
Daraufhin nickte ich natürlich total fertig und scheiße, und natürlich frage ich: „Wie jetzt?“
„Na genauso wie diese ekelhafte Sexszene mit dem megafetten Trucker in diesem schrecklichen Film
Butterfly Kiss. Die gehört echt zu meinen Top-20-Onanieantörnern.“
Dann knutschen wir aus lauter Langeweile.
„Wir sind ja beide so geschlechterverwirrt, Schatz.“

Was ich über die ersten 45 Seiten sagen kann: Wirre, unzusammenhängende, völlig unverständliche, ekelige, deprimierende, abstoßende, billig klingende Seiten habe ich hinter mich gebracht. Und es war wirklich nicht mehr als ein Hintermichbringen. Ich kann definitiv das bestätigen, was ich in irgendeiner Rezension gelesen habe: Dass die einzigen guten Passagen des Buches die sind, die von Airen übernommen wurden.

Eigentlich drücke ich bei jungen Autoren immer ein Auge zu – sie sind oftmals ungeschliffene Rohdiamanten, denen man die Daumen drückt, noch eine große Entwicklung und viele, viele Bücher in ihrer Karriere vor sich zu haben. Bei Hegemann sehe ich schwarz. Und tue etwas, was ich nur ungern tue: Vitamin B unterstellen. Ich denke nicht, dass Hegemanns Roman gedruckt wurde, weil er sich so gut im Buchmarkt etablieren lässt, sondern weil ihr Vater Carl Hegemann ist, Autor, Theaterschaffender und Professor für Dramaturgie an der Hochschule für Musik und Theater „Felix Mendelssohn Bartholdy“ Leipzig. Wäre mein Vater in dieser Szene unterwegs, dann hätte ich vermutlich auch unlängst ein Buch veröffentlicht. Eines, das nicht klingt, als wäre es in einem kranken Drogenrausch geschrieben oder aus der Fantasie einer Geisteskranken zusammengepuzzelt.

Seite 45. Ich gebe auf. (Nik, du solltest Recht behalten: Dieses Buch kann man nicht beenden.)

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23 Comments

  1. Dann lese ich es also nicht. Bin schon verstört genug. Und genervt von der Frau. Wenn es auchnoch so… wehtut, dann also nicht. Auch gut. Oder schlecht. Aber danke für die Warnung.

  2. Durch Deine Kapitulation räumst Du Frau Hegemann eine (bisher) absolute Sonderstellung ein. Das erste Buch, das Du nicht fertig gelesen hast. Das erste Buch, das nicht Du, sondern das Dich bezwungen hat.
    Willst Du ihr diesen Triumph wirklich gönnen? Soll sie es gewesen sein, die diesen Pflock eintreiben und diese Wunde hinterlassen durfte?

  3. HiHi, ich sitze hier gerade bei meiner Freundin auf dem Bett, und rate mal, welches Buch auf ihrem Nachttisch liegt? Mittlerweile seit wohl vier Monaten…
    Ich habe es mal zur Hand genommen und vielleicht zehn oder zwölf Seiten gelesen, aber dann dachte ich mir, dass mir meine Lebenszeit dafür doch zu schade ist. Stattdessen habe ich lieber ein wenig dem Regen zugehschaut…

  4. Ich hab es gewusst, juhu! Doch du solltest mindestens den Tapferkeitsorden erhalten, immerhin hab ich nur bis Seite 16 oder so durchgehalten.

  5. Ich kann verstehen, dass du es beiseite gelegt hast – und finde das auch richtig so. Ich bezweifle, dass man sagen kann, dass das Buch triumphiert. Im Gegenteil… es versagt so sehr, dass es nicht einmal eine richtige Kritik erhält. Das ist eine „6 und setzen!“ auf der ganzen Linie und ich bin, ehrlich gesagt, ziemlich sicher, dass das Buch dieses Fazit verdient. Ich habe in einer Buchhandlung einmal reingelesen… und, nein, ich musste es sofort wieder weglegen. Fast schon angeekelt. Und der Ekel bezieht sich hier nicht auf den Inhalt, sondern wie lieblos hingeklatscht das wirkt.
    Für mich ist das Buch nur eines: Geldmacherei und der jämmerliche Schrei nach Aufmerksamkeit. Wer richtige Ideen und Talent hat, der muss nicht unbedingt Skandelbücher schreiben, um bekannt zu werden. Siehe Feuchtgebiete.
    John Irving thematisiert auch skurrile Dinge, mitunter Sexuelles – aber er macht dies gekonnt und mit Stil. Nicht halb ausgekotzt.

  6. Meine Oma, die sehr belesen war, hat immer gesagt: „Früher habe ich mich immer dazu gezwungen Bücher fertig zu lesen, egal wie schlecht sie waren. Aber mit der Zeit bin ich drauf gekommen, dass ich damit nur Zeit verschenkt habe.“ In Wirklichkeit geht es nämlich nicht darum, damit prahlen zu können, wie viele Bücher man nicht ganz gelesen hat, sondern wie viel sie einem vermittelt haben, wie viel man dazu gelernt hat und wie sich vielleicht manche Sichtweisen geändert haben. Meine Oma hat schon ein paar Wochen nachdem sie sich durch ein Buch gekämpft hat, den Inhalt vergessen, da sie es einfach interesselos überflogen und gezwungenermaßen gelesen hat. Und ab dem Punkt beginnt lesen keine Freude mehr zu machen und kein Genuss mehr zu sein.
    Soviel zu Büchern, die einem nicht nahe gehen und die man nur gezwungenermaßen liest.
    Und obwohl ich das Buch nicht gelesen habe – nur ein paar Amazon-Rezensionen und eine kurze Leseprobe, kann ich dir versichern, dass du es ohne Bedenken abbrechen kannst und es am besten irgendwo deponierst , wo du nicht jedes Mal beim Vorbeigehen daran erinnert wirst, denn das ist wirklich widerlich!

  7. Auch ich wollte es lesen – einfach um zu wissen, wie es denn so ist.
    Aber ich habe schon aufgegeben, als ich es im Geschäft mal kurz „angelesen“ hatte. Es sprach mich einfach so sehr _nicht_ an…
    Der Auszug bestätigt mir das nur noch einmal.

  8. Was soll die literarisch verklausulierte moralische Entrüstung? – Jeder soll schreiben, wie ihm der Schnabel gewachsen ist. Und das hat die Hegemann eben mal gemacht. Literatur als Bildungsgut oder zur Erbauung ist überflüssig. Épatez le bourgeois!

  9. Richtig, jeder soll schreiben, wie ihm der Schnabel gewachsen ist – und jeder andere sollte das Recht haben, nach seinem Geschmack oder Fachwissen zu urteilen und zu sagen: „Mon Dieu!“, mit welcher Betonung auch immer.
    Erbauung ist definitiv nicht Aufgabe der Literatur, Bildungsgut ist sie aber immer, das ist ihr Naturell, auch wenn sie es manchmal wohl gar nicht sein möchte. Im Falle Hegemann hat sie uns die Bildung nahegelegt, dass man nicht kopieren sollte, wenn man offensichtlich nichts anderes kann.

  10. Dazu sage ich nur „Die Frage ist, wer wann wieviele Bücher schreibt..“ (Vince Ebert)

    Ich habe mich immer geweigert, das Buch zu lesen und nun habe ich einen guten Grund.

  11. Literatur als Bildungsgut gab’s schon mal. Im späten 19. Jahrundert. Und kein Mensch liest das mehr (Raabe, Freytag, Sudermann). Außer im Proseminar. Und Literatur, die proseminartauglich ist, ist ebenfalls überflüssig. Dann lieber’n Text, in dem das schöne Wort „Onanieantörner“ vorkommt. Das sorgt für Empörung bei genau jenen, die es treffen soll. Und das ist gut so. Und dass Hegemanns Buch nicht zum Bildungsgut taugt, ist klar. Und das ist ebenfalls gut so.

  12. Die Behauptung, niemand würde mehr Raabe lesen, finde ich ein bisschen weit hergeholt – den verschlang ich schon vor dem Literaturstudium und möchte wohl meinen, dass es sehr viele „Normalbürger“ (Singles mit Bürojobs und fünf Katzen) gibt, die trotzdem abends gern nach Hause kommen und sich für Hochliteratur interessieren.
    Die Frage muss dann wohl runtergebrochen werden auf: Was wird hier als Bildungsbegriff vorausgesetzt? Und da scheinen die Definitionen auseinander zu gehen. Solange Literatur Einfluss hat, und sei es auf einzelne Individuen, keine Massen, erfüllt sie ihren Bildungsauftrag. Die Rezeptionsforschung wäre am Ende, wenn der nicht bestünde. Ich möchte gar nicht wissen, wie viele Erst-, Zweit- oder Drittsemester sich zukünftig mit dem Phänomen „Popliteratur“ beschäftigen müssen. Aber auch wenn sie mir nicht gefällt und auch wenn ich ihr gern das Prädikat Bildungsgut absprechen würde, so hat sie schlußendlich doch Wirkung und ist vom modernen „Literaturmarkt“ nicht mehr wegzudenken.
    Diese Diskussion ist aber wohl müßig.
    Worauf ich hinaus will, ganz subjektiv: Hegemann kann nichts, taugt nichts und gehört getätschelt und in ein Eckchen gestellt – und doch haben wir von ihrem Fall etwas gelernt.
    1) Wer nur kopieren kann, sollte besser die fremden Büchern bewerben als ein eigenes daraus zu basteln.
    2) Solange „Skandale“ wie dieser noch ernsthafte Empörung hervorrufen können, gibt es noch Hoffnung für die Literaturwissenschaft.

  13. „Hochliteratur“ sowie sonstige „Kulturgenüsse“ und „Bereicherungen“ von Feierabend und Freizeit überlasse ich gerne den Kulturschmusern, die zum „labberigen Tee stets ein Bändchen Gedichte“ (James Joyce) parat haben. Denn: „Kunst kann nur vom Absagen kommen. Nur vom Aufschrei, nicht von der Beruhigung. Die Kunst, zum Troste gerufen, verlässt mit einem Fluch das Sterbezimmer der Menschheit. Sie geht durch Hoffnungsloses zur Erfüllung.“ (Karl Kraus)

  14. Ich verstehe nicht, warum Schlechtes immer damit verteidigt wird, dass es anscheinend „empörend“ ist, oder gar „provozierend“. Nicht der Inhalt Hegemanns stört mich, nicht ihre Wortwohl (ich bin sexuell und sexuellen Wörtern durchaus aufgeschlossen, keine Sorge). Warum wird blindslings davon ausgegangen, dass ich am liebsten nur schöne Poesie und Hochliteratur lese? Ich lehne Hegemanns Buch ab, weil es schlicht und ergreifend eines ist: schlecht. Schlecht geschrieben.
    Und das ist doch wohl noch erlaubt, ohne als spießig zu gelten, nicht wahr?

  15. @Kathi Natürlich. Aber: Wie kann es „schlicht und ergreifend“ „schlecht geschrieben“ sein, wenn „nicht der Inhalt“ und auch „nicht ihre Wortwahl“ „stören“. – Wodurch ist es denn dann eigentlich „schlecht geschrieben“?

  16. @husl:
    Das ist mit Sicherheit nicht leicht zu erklären. Ich kann nur meine Beobachtungen dazu darlegen: Ich lese sehr viele verschiedene Bücher, mit durchaus nicht nur zimperlicher, gewählter Wortwahl. Ich habe schon Bücher gelesen und gemocht, in denen eklige, brutale, obszöne Dinge beschrieben wurden. Es sind also nicht die Worte, die mich stören und nicht direkt der Inhalt (ich meine damit das *Thema* an sich). Dass ich das Buch nicht mag, liegt daran, dass solche Szenen und Themen mir lieblos aneinander geklatscht scheinen. Ich habe, egal ob das nun stimmt oder nicht, das Gefühl, dass durch das Buch nicht sie spricht, sondern dass sie nur imitiert. Unabhängig von den Plagiatsvorwürfen.
    Dazu kommt: Ich denke mir, dass es leicht ist, zu schockieren. Aber es ist schwerer mit einem subtilen Buch Erfolg zu haben.
    Nun ja, das ist alles eine sehr subjektive Wahrnehmung, das gebe ich ja zu, aber ich kann einfach nichts Sensationelles an Hegemanns Buch entdecken.

  17. Nicht lesbares Buch? Trifft zumindest für mich zu.
    Die Crux bei der Geschichte ist aber doch, dass Fräulein H. und die Verleger genau das erreicht haben, was sie wollten: Viel Trommelgewirbel. (um Vulgär-Schrott!)
    Wobei ich jetzt genau das mache, was das Buch nicht verdient: darüber überhaupt eine einzige Zeile zu schreiben. Schnell, Schluss damit!

  18. Mich nervt, dass diverse Literaturkritiker das Mädchen so sehr hochgelobt haben. Einflussreicher Papa und schon kann sie sich erlauben, was sie will.
    Mir kam der Titel bekannt vor weil ich vor einiger Zeit einen Artikel über die Autorin und „ihr“ Buch gelesen hatte, in dem sie gelobt wurde.
    Unglaublich. Ich freue mich schon auf dein Buch und bin ganz sicher, dass es nicht schlecht und lieblos zusammenkopiert sein wird 😉

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