Dein letztes „Ich liebe dich“.

Es ist ja nicht so, als hättest du keine Spuren hinterlassen. Als wärest du gekommen und gegangen und der nächste Windstoß hätte alles weggefegt oder die nächste Welle alles weggewaschen. Nein, du bist gekommen und hast etwas von mir genommen, von dem ich mir nicht sicher bin, ob ich es zu geben bereit war. Du hast ein Stück meines Selbstbewusstseins genommen und meine Liebe, meine Hoffnung und meine Begeisterung. Ich weiß selbst, dass du das gar nicht wolltest, dass du der letzte war, der gehen und dann auch noch etwas von mir mitnehmen wollte. Du hast immer gesagt, ich solle weitermachen, wenn du nicht mehr da wärest, das Leben leben, das ich mir mit den strahlendsten Farben ausgemalt habe, bevor ich dich kennen lernte. Das Problem ist, dass die Farben, die mit dir kamen, alles übertönt haben, dass ich nicht mehr auch nur den Hauch einer Ahnung habe, wie es ohne unser Kennenlernen hätte werden sollen, mein Leben, dieses Erwachsenwerden, das Gesamtkunstwerk. Da ist nur dieses Bild von dir und mir, als Paar, als Familie, eines Tages gemeinsam in einem Altenheim. All das, was ich mir in den letzten fünf Jahren vorgestellt habe, das habe ich mir nur mit dir vorstellen können und das hast du auch gewusst, als du mein Gesicht zwischen deine Hände genommen hast und gesagt hast, ich dürfe niemals aufhören. „Hörst du?“, hast du gesagt. Und dann diese unglaublich ermüdende Phrase, etwas, das ich schon so oft gehört habe, seit du nicht mehr da bist: Dass ich niemals auch nur daran denken dürfe aufzugeben. Das sagen die, die noch nie so etwas Wertvolles verloren haben wie ich: Dich. Und du hast es gesagt, weil du stark sein wolltest für mich, weil du wusstest, dass ich die sein würde, die an so etwas kaputt ginge.

Du starbest im März vor drei Jahren und hobest damit meine ganze Welt aus den Fugen. Noch mehr, als du es in den Jahren tatest, die ich mit dir hatte. In den glücklichen Jahren. Ich weiß noch, wie ich deine Hand gehalten habe, als du mir gesagt hast, dass es Krebs ist und wie du nach jeder Chemo gelitten hast, es aber nicht zeigen wolltest, ja, nicht einmal zulassen. Es ging nicht nur mir nah, dass du gehen würdest, es ging dir ebenso nah, dass du mich zurücklassen würdest müssen. Vielleicht, weil wir uns beide so sehr darauf verlassen hatten, dass wir miteinander alt werden würden. Sterben war uns nie als Alternative in den Sinn gekommen, als das, was uns aufhalten würde. Wir hatten diese phrasenhafte Sehnsucht danach, jung zu sterben immer als pietätlos empfunden, als etwas, das die Menschen in unserem Alter sagten, mit denen wir nicht befreundet sein wollten.

Früher habe ich den März geliebt. Jetzt ist er unauslöschlich mit deinen letzten Worten, deinem letzten schwachen Lachen, deinem letzten „Ich liebe dich“ verbunden. Und vor allem mit deinem letzten Atemzug. Ich werde nie vergessen können, wie sich deine Brust ein letztes Mal hob und senkte und dann nie wieder.

Was von dir geblieben ist? Fotos und Videos, deine Bücher und DVDs, deine Tagebücher und die Briefe, die du mir in unseren gemeinsamen Jahren schriebest. Die Briefe, die ich immer und immer wieder in die Hand nehme. Der letzte ist auf zwei Wochen vor deinem Tod datiert. Du hast gewusst, dass dir nicht mehr viel Zeit bliebe. Dein letzter Brief endete mit: „Ich glaube nicht, dass es einen Himmel gibt. Und selbst wenn: Ich könnte ihn nicht genießen, denn er wäre nichts anderes als ein Platz an dem du nicht bist.“ Ich habe den Brief ein paar Wochen nach deinem Tod gefunden, als ich endlich die Überwindung aufbringen konnte, die Laken zu wechseln und deinen letzter Brief zwischen Laken und Matratzen liegen sah. Du musst gewusst haben, dass ich ihn dort niemals sofort finden würde. Und du musst auch gewusst haben, dass ich mich vielleicht umgebracht hätte, hätte ich den Brief zu früh gefunden. Obwohl auch ich eigentlich nicht an einen Himmel glaube, in den ich dir hätte folgen können.

(Bild via.)

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13 Kommentare

  1. Vielleicht ist es mein persönliches „Involvement“ mit dem Thema, aber Deine Worte berühren mich an einem sehr wunden Punkt und lassen meine Augen kräftig schwitzen.

    Danke für den Text – auch, wenn er mir tatsächlich sehr weh tut.

    „Diesen Krebs seh ich als Arschloch an“ – C. S.

  2. Dein Text hat mich tief bewegt. Ich glaube ich kann mir nicht annähernd vorstellen wie es ist, den Menschen zu verlieren, den man über alles liebt und mit dem man alt werden möchte, mit dem man glücklich werden möchte. Dass das passiert, ist meine größte Angst.
    Ich bewundere dich, dass du es geschafft hast, weiter zu machen und wünsche dir weiterhin viel Kraft!

    1. Halt, halt! Das ist mir nicht passiert – das ist reine Fiktion, wie alle Texte, die mit dem Label „Textwerkstatt“ gekennzeichnet sind. (Glücklicherweise ist es nur Fiktion. Das ist nämlich auch meine größte Angst.)

      1. Ah, das beruhigt mich. Werde ich demnächst drauf achten 😉
        Dann muss ich sagen, Hut ab, sehr sehr real geschrieben. Der Text hat mich wirklich sehr bewegt.

  3. der text ist wunderbar eindringlich geschrieben und deine worte treffen es mal wieder auf den punkt.
    aber eine klitzekleine anmerkung: der konjunktiv ist an manchen stellen zu aufgezwungen, wenn auch formal richtig. das stört zwischendurchein wenig den lesefluss.

    weiter so in deiner schreibwerkstatt. ich liebe es, abends die resultate zu geniessen!

  4. „Ich glaube nicht, dass es einen Himmel gibt. Und selbst wenn: Ich könnte ihn nicht genießen, denn er wäre nichts anderes als ein Platz an dem du nicht bist.“

    Im Moment bin ich so nah am Wasser gebaut, der Satz bringt mich zum Weinen. Die Gabe, Leute zu berühren hast du auf jeden Fall schonmal.
    (Ich musste an meinen Freund denken und an diese dauernde Angst, ihn zu verlieren, da war’s dann vorbei.)

    Veröffentliche verdammt nochmal endlich was, damit ich es kaufen, lesen, seufzen und im Regal bewundern kann! (Und damit ich sagen kann, ich kannte sie schon, da war sie noch gar nicht berühmt.)

    Hach. ♥

  5. Dein Text hat mich sehr berührt! Bitte, bitte, schreib noch viel mehr.
    Deine Texte sind ein Lichtblick nach einem langen Schultag!
    Aber auch deine Buchempfehlungen lese ich sehr gern.
    Und da habe ich eine Empfehlung für dich: Alice Munro – Himmel und Hölle.
    Ich habe das Gefühl, diese Erzählungen dürften dir gefallen!
    Liebste Grüße!
    La Menteuse

    PS: Wie kommt es, dass ich auch einen Sachsendialektlehrer habe?

  6. Mirka, Mirka, Mirka.
    Wieder einmal hast Du mich zum Weinen gebracht.
    Ich könnte jeden einzelnen Buchstaben zitieren; mit unendlich vielen Ausrufezeichen dahinter, und trotzdem würde das nicht ausreichen, nicht mal annährend um auszudrücken wie sehr! diese Worte mich getroffen haben.
    Danke!

    Anna*

  7. Wow – nur Fiktion!
    Wahnsinn! Bin heute das erste Mal hier und an diesem Text hängen geblieben. Zumal ich auch jmd an den Krebs verloren haben…sehr real, sehr intensiv, sehr mitreißend Dein Text!

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