Das Wörterbuch der Liebenden – David Levithan

recant, v.  widerrufen, V.
Ich möchte mindestens die Hälfte meiner Ich liebe dich zurücknehmen, weil ich sie nicht so ehrlich gemeint habe wie die andere Hälfte. Ich möchte den Fotoband zurück, weil du ihn nicht verstanden hast und sagtest, das sei bloß hippe Pornografie. Ich möchte zurücknehmen, dass ich dich einen emotionalen Zombie genannt habe. Ich möchte zurücknehmen, wie ich dich vor deiner Schwester Schätzchen nannte und du gucktest, als hätte ich ihr soeben Bilder von uns beim Sex gezeigt. Ich will das Weinglas zurück, das ich in einem Wutanfall zerdepperte, weil es ein schönes Weinglas war und wir den Streit früher oder später sowieso beendet hätten. Ich will die Stunden zurück, als wir uns in einem Leihwagen liebten, nicht weil ich mich wegen der Leute schlecht fühle, die den Wagen nach uns hatten, sondern weil es höllisch unbequem war. Ich möchte das Vertrauen zurück, das ich in dich hatte als du in Austin warst. Ich will zurücknehmen, wie ich dich ein Genie nannte, weil es bloß sarkastisch gemeint war und ich besser gesagt hätte, dass du meine Gefühle verletzt hast. Ich hätte gern alle Geheimnisse zurück, die ich dir anvertraut habe, um neu entscheiden zu können, ob ich’s noch mal tun würde. Ich hätte gern jenen Teil von mir zurück, der noch immer in dir wohnt, um zu sehen, ob ich ihn wirklich vermisste. Ich gern mindestens die Hälfte all meiner Ich liebe dich zurück, weil es sich einfach sicherer anfühlen würde.

(Seite 173)

Das Wörterbuch der Liebenden von David Levithan
211 Seiten, erschienen am 13. August 2010, über http://www.vorablesen.de erhalten

Inhalt: Von A wie atemberaubend bis Z wie Zenit was liegt näher, als die Liebe enzyklopädisch zu erzählen? Diese poetische Manhattan-Love-Story in ungewöhnlicher, verspielter Lexikon-Form ist ein Herzensbuch für jeden, der verliebt ist oder sich verlieben möchte. Hast du gemerkt, dass ich mich in meinem Internet-Profil zwei Jahre jünger gemacht habe? Welch pure Seligkeit, als wir den Küchentisch unter den bestirnten Himmel stellten, um alfresco zu essen. Ob es eine gute Idee ist, zusammenzuziehen? Sollen nicht wenigstens unsere Bücher eigene Regale behalten? Du wirst doch nicht etwa Doisneaus Kuss aufhängen. Ich will es nicht wissen, wenn du mir sagst, du hättest mir etwas zu sagen Ein Wörterbuch der anderen Art: Jeder Eintrag erzählt einen Schritt der Annäherung, der immer größer werdenden Nähe, aber damit auch der Verletzlichkeit. Literarisch raffiniert und romantisch, frisch und modern fängt es die beinahe alltäglichen Gefühlsstürme der Liebe ein: Momente des größten Glücks und des Genervtseins, großer Erwartung und kleiner Ernüchterung, und der einzigen Gewissheit, dass Liebe nun mal das Flüchtigste auf der Welt ist.

Bewertung: Es gibt sie, diese Bücher, die so schön sind, dass man sie am Liebsten gar nicht rezensieren würde, aus Angst, ihnen ihren Zauber zu nehmen. David Levithans jüngstes Werk fällt definitiv in diese Kategorie. Schon mit „Nick und Norah – Soundtrack einer Nacht“ war Levithan und seiner Co-Autorin Rachel Cohn ein sehr außergewöhnliches, emotionsschwangeres Buch gelungen, dessen Verfilmung unzählige Jugendliche ins Kino gelockt hatte. „Das Wörterbuch der Liebenden“ ist Levithans erstes Buch für eine erwachsene Leserschaft und wartet mit einem völlig neuartigen Konzept auf: Ein Wörterbuch über die Liebe, zu jedem Begriff eine kurze Erzählung, eine Momentaufnahme, eine fundamentale Feststellung. Alphabetisch sortiert, aber nicht chronologisch, erhält man so immer mehr Einblicke in das Beziehungsleben eines New Yorker Paares irgendwo Anfang 30: Das Kennenlernen über eine Onlineplatform, die ersten Dates, der Beschluss zusammenzuziehen, das erste „Ich liebe dich“, Spaziergänge im Schnee und Regen, Sex als Aggressionskompensation, ein fataler Ausrutscher. Über alldem der Schleier der Weisheit, den Levithan nutzt, ohne dabei belehrend zu wirken. „Das Wörterbuch der Liebenden“ bringt uns all die Dinge bei, die wir über die Liebe wissen sollten – schafft es aber auch, all die Dinge in ein paar wichtige Sätze zusammenzufassen, die wir niemals prägnant auf den Punkt bringen könnten.

Man mag dem Buch vorwerfen können, eine unvollständige Geschichte zu erzählen, aber sein wir doch ehrlich: Es bedarf nicht aller Hintergrundinformation, es bedarf nicht der ganzen Vita der beiden namenlosen Hauptprotagonisten, um diese Geschichte zu etwas Ganzem, Kompletten, Komplexen werden zu lassen, zu etwas, das in sich schlüssig ist und durch eine kreative, neue Idee besticht. Es bedarf bloß Leviathans wunderschöner Worte, die von Andreas Steinhöfel stimmig ins Deutsche übersetzt wurden. „Wir haben die Oberflächlichkeit des Einanderwollens hinter uns gelassen und befinden uns nun in den Untiefen des Einanderbrauchens“ schreibt der Autor bei einer Erzählung zum Thema Elegie die fließende Entwicklung in der Beziehung der beiden Protagonisten.

Es bleibt Levithan zu wünschen, dass sein Buch nicht ein Geheimtipp bleibt, eines dieser kleinen, leisen, weisen Bücher, das eine handvoll Leser zu schätzen weiß – was auch der Grund ist, dass es wichtig war, diese Rezension zu schreiben, obgleich sie dieses perfekte Buch nicht wirklich passend umschreiben kann: Der Wunsch, vielen Liebenden etwas zu geben, an dem sie sich festhalten können. Dann, wenn die Liebe keimt und so schön ist, dass man Angst hat, sie könne gar nicht real sein. Aber auch dann, wenn all das, was man sich aufgebaut hat, mit einem mal auseinanderzubrechen und einzugehen droht.

Einziger Wermutstropfen: Das Buch umfasst nur 211 Seiten. Kaum dass man die letzte Seite erreicht hat, steht man vor einer schwierigen Entscheidung: Jammern, dass es vorbei ist – oder von vorne anfangen und nach Details und Weisheiten suchen, die man beim ersten Lesen vielleicht gar nicht so sehr wahrgenommen hat. Auch schade ist, dass das doch recht dünne Buch für einen Preis 18 Euro erhältlich ist – obwohl das, was man zu lesen bekommt, Gold wert ist, wären 16 Euro mehr als ausreichend gewesen. Auf die Taschenbuchausgabe hätte ich nämlich nicht warten wollen, so sehr hatte mich schon die Leseprobe in ihren Bann gezogen.

Bei Interesse findet ihr hier eine Leseprobe. Und das umwerfende Buch könnt ihr hier bestellen.

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9 Comments

  1. auf meiner auch; viel zu viele stehen da drauf! 😀 aber wer weiß, vielleicht braucht jemand mal dringend eine Geschenkidee!? dann hab ich wenigstens einen Wunsch – denn das schlimmste ist immer „ach. ich weiß nicht. eigentlich habe ich schon alles“ 😉
    ein wirklich tolles Buch, wie es klingt. Danke für die umfassende und positive Rezension!

    1. Danke für deine Besorgnis, aber ausnahmsweise stimmt mal alles – die Rezension habe ich dort selbst hochgeladen, ich bin dort Co-Bloggerin. 😉 Aber schön, dass du aufmerksam warst und mir bescheid gesagt hast!

  2. Klingt nach einem interessanten Buch! Kommt definitiv auf die Wunschliste 🙂

    Ich hab deinen Blog übrigens letztens auf meinem Blog empfohlen. Hoffe, du hattest jetzt viel Besuch 😉 Ich komme total gerne hier stöbern. Deine Texte gefallen mir sehr, sehr gut. Hoffe, dass doch irgendwann mal ein Buch von dir rauskommt. Dann ist das Lesevergnügen etwas länger 😀

    LG!

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