Und dennoch schon ein Schlüsselbrett.


„Mein Vater hat uns verlassen, als ich 17 war. Kurz bevor…“ Frankie ließ diesen Satz unausgesprochen zwischen ihnen stehen, so, als wollte sie sich nicht an dieses Nachher erinnern – oder als wollte sie es so dringend zurück haben, dass es weh tat.

Frankie ließ sich neben Lene in den Sand fallen und warf ihre Wasserflasche achtlos zwischen Lene und sich. „Wir hatten keine sonderlich enge Beziehung zu einander, aber es hat verdammt weh getan. Es tut immer weh, wenn einer geht. Es hat nicht weh getan, weil ich meine Eltern so unbedingt zusammen sehen wollte, im Gegenteil. Die beiden haben sich ständig gestritten, sich so weit an einander aufgerieben, dass nicht mehr viel von ihnen übrig war. Was wirklich weh tat, das war, wie er gegangen ist, so ähnlich wie bei dir.“

Dass es von allen Menschen ausgerechnet Frankie zu sein schien, die sie verstand, gefiel Lene nicht. Frankie machte es ihr so verdammt schwer, bei ihrer vorgefertigten Meinung über sie zu bleiben. Lene wollte Frankie auf ein Klischee reduzieren, um sich besser zu fühlen.

„Das schlimmste war nicht einmal, dass er uns für eine Neunzehnjährige verlassen hat. Ich meine: Solche Dinge passieren. Obwohl es seltsam ist, wenn man feststellt, dass der eigene Vater sein Leben mit einem Mädchen verbringen will, mit dem man befreundet sein könnte, unter anderen Umständen, in einem anderen Leben. Schlimm war es, als ich in der Wohnung stand, die er sich mit ihr teilte. Die Wohnung war klein und hatte einen wunderschönen Holzfußboden, auf dem in unregelmäßigen Abständen flauschige, weiße Läufer verteilt worden waren. Läufer, wie sie Frauen verteilen, die rote Haare haben und wie Elfen aussehen und selten zurückblicken, immer nur nach vorne. Was soweit alles auch irgendwie noch erträglich war. Schlimm an der Wohnung war, dass er gerade einmal zwei Wochen mit ihr dort wohnte und es dennoch schon ein Schlüsselbrett gab, an dem unzählige Schlüssel hingen, dass es einen Platz für die Fernbedienung gab und sie über die gleichen Witze lachten. Meine Eltern hatten nie über das gleiche gelacht, höchstens gestritten. Im Frühling darauf haben die beiden einen süßen, pausbäckigen Jungen bekommen, dem sie den Namen Juri gaben und der es mir noch schwerer machte, die Beziehung der beiden für falsch zu empfinden, da ich meinen Vater so glücklich sah wie noch nie in meinem Leben. Vielleicht weil er sich zum ersten Mal in seinem Leben Mühe gab, ein besserer Mensch zu werden und zu bleiben. Für eine rothaarige Elfe namens Lila.“

(Bild via.)

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7 Kommentare

  1. Ich befürchte zwar, das Frankie und ich in diesem Leben keine Freunde mehr werden, aber Lene gefällt mir unheimlich gut. Und es ist so… ungeschänt, klischeehaft mag es erscheinen, aber im Grunde sieht es genauso aus. Nur nicht jeder kann hinschauen. Toll.

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