Für ein Foto war noch Platz.

„Ich möchte all diese Dinge mit dir tun.“ Das war es, was du sagtest, als ich in deiner Küche stand und Tee kochte, während der Regen gegen das Fenster schlug und der Himmel immer grauer und bedrohlicher wurde. Ich habe deine Küche vom ersten Augenblick an geliebt. Sie war winzig und roch nach Basilikum, das Geschirr war von Ikea und an der Pinnwand klemmten Fotos von deinen vier Nichten, von deinen Eltern und von deiner Schwester. Eine Stelle war noch frei, für ein Foto war noch Platz. Ich wusste, dass dort mein Foto gehangen hätte, wenn die Situation anders gewesen wäre. „All diese Dinge?“, habe ich gefragt und mich ein wenig gestreckt, um an die Dose mit Kandiszucker im oberen Regalfach zu kommen. Du standest plötzlich hinter mir, legtest eine Hand auf meine Hüfte und griffest über meinen Kopf hinweg, um die Dose für mich aus dem Schrank zu nehmen. „Alles eben. Essen gehen oder tanzen, stundenlang in Buchhandlungen stöbern, nach dem einen richtigen Buch, das ich dir abends vorlesen kann. In jede Kinoabendvorstellung gehen, um am Ende des Jahres den schlechtesten Film zu küren. Gleichzeitig das Haus verlassen, dich auf der Straße küssen, wenn wir gemeinsam auf den Bus warteten. All diese Dinge machen ohne dich keinen Spaß. Weil ich weiß, wie sie sich mit dir anfühlen würden.“

Du standest immer noch hinter mir und ich lehnte mich gegen dich, schloß die Augen und nickte. Das reichte. Du wusstest, dass auch ich all das wollte. Dass wir das Gleiche wollten. Dass ich vor allem wollte, dass das Verpassen endlich aufhörte. Diese Momente, in denen man realisiert, dass sein Gegenüber plötzlich einen neuen Pullover trägt, der irgendeine Geschichte zu haben scheint, in der man nicht auftritt. Eine Geschichte, in der man hätte auftreten können und sollen. Das einzige, was einem übrig bleibt, ist es, sich die Geschichte anzuhören und zu verdrängen, wie es gewesen wäre, dabei zu sein. Sich einzureden, dass es doch langweilig wäre, eines dieser Paare zu sein, die all ihre Geschichten miteinander erleben und den Anrufbeantworter wechselseitig besprechen.

Eigentlich sind wir gar kein Paar, du und ich. Eigentlich bin ich montags in der dritten und vierten Stunde und freitags in der letzten Stunde deine Schülerin. Eigentlich sollte nichts daneben stehen und das überstrahlen. Eigentlich sollte ich daran denken, was ich nach dem Abitur mache. Eigentlich solltest du mir die Mathematik näher bringen, stattdessen ist es das Leben, das ich durch dich zu begreifen lerne.

Aber wir sind es eben doch – wenn wir in deiner Küche stehen und es regnet und ich nicht an den Kandis kommen. Dann ist der Rest vergessen und wir sind wie alle anderen Paare: Miteinander.

Verwandter Text: Der Moment ist schön.

(Bild via.)

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9 Comments

  1. Mein Freitag, gerettet, einmal mehr, durch den lyrischen Akzent, ohne den jeder Tag verliert. Auch wenn der wäre-hätte-Pullover-Teil ein Lektorat verdiente. Meine Lieblingsautoren: KKA. Meine bevorzugte Autorin. Das Fräuleinwunder aus NRW.

  2. Oh, wow, das ist fantastisch. (: Du rettest meinen unendlich langweiligen Tag, ich weiß genau, dass er das wird. Aber mit sowas zu „starten“ (um ein Uhr mittags), das versüßt alles. ♥

    Liebe Grüße, Noelle. ❤

  3. Wenn du mir mal was schenken wollen würdest, dann kannst du mir einfach alles, was du über Charlotte und den Lehrer hast, geben. Das fände ich perfekt, so wie diese Geschichte perfekt ist. Diese Abschnitt… so wunderbar. Danke.

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