„Lass uns ans Meer fahren.“

„Ich liebe das Meer!“, Frankies Augen glitzerten und sie breitete die Arme aus. „Liebe, liebe, liebe es.“ Sie beugte sich herunter und zog, auf einem Bein hüpfend, ihren linken Schuh aus, dann den rechten. Sie hatte schöne, schmale Füße, nicht zu groß und nicht zu klein. Füße, die aussahen, als wären sie genau richtig, um sie zu tragen, ihr Halt zu geben.
„Schon immer?“ Paul ging neben ihr her und hatte die Hände in den Taschen seiner Jeans vergraben.
„Als Kind hatte ich Angst vor dem Wasser, weil ich erst sehr spät schwimmen gelernt habe. Es wirkte so ungezügelt und mächtig, so unberechenbar. Für eine Achtjährige, die noch nie im Schwimmbad war, die zum ersten Mal mit ihren Eltern ans Meer fuhr, nahezu furchteinflößend. Und dann war ich am Meer und ich hörte die Möwen, das Rauschen der Wellen, beobachtete Ebbe und Flut, etwas, das mich bis heute fasziniert, dieses Kommen und Gehen, und sammelte Muschen, die in ihrer Ähnlichkeit doch so unterschiedlich waren. Ich bin dem Meer verfallen damals. Rettungslos.“
„Möchtest du irgendwann mal am Meer leben?“ Paul hatte als junger Mann immer davon geträumt, irgendwann in einem gemütlichen Haus am Meer zu wohnen, mit einem Briefkasten mit einem roten Fähnchen zum Hochklappen, das einen neuen Brief ankündigte und einer Holzveranda, auf der eine zerschlissene Couch oder eine Hollywoodschaukel stand. In den Bäumen hätte zusätzlich eine Holzschaukel gehangen und an der roten Tür hätte ein Holzschild gehangen: Hier wohnen Paul und Hanna Hertz mit Lene, Moritz und Joscha. Er hatte immer ein Holzhaus am Meer und drei Kinder haben wollen. Aber nur mit Hanna.
Frankie lächelte. „Wenn ich ans Meer zöge, wo könnte ich denn dann noch hinfahren? Was wäre denn mit der Sehnsucht? Was würde dann aus einem wehmütigen ‚Ich habe Sehnsucht nach dem Meer’ im nassen Novembernebel oder einem überschäumendem ‚Lass uns an Meer fahren’. Wenn ich am Meer wohnen würde, wo wäre dann meine Zuflucht, mein Platz?“ Frankie hob eine Muschel auf. „Ich wäre verloren, wenn ich dort lebte, wo ich mich am wohlsten fühle, weil dann der Ort der Zuflucht zur Alltäglichkeit würde und dann hätte ich keinen Platz, an den ich gehen könnte, wenn etwas nicht stimmte.“
„Bist du jetzt mit mir am Meer, weil etwas nicht stimmt?“
Sie nickte. „Ja.“ Eine einzelne Träne floss ihr die Wange herab, aber sie lächelte. „Deswegen bin ich hier.“

***

(Bild via.)

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6 Kommentare

  1. von dir geschrieben?! das lest sich so schön, so fließend .. obwohl es nur so ein kurzer text ist, versinkt man richtig darin, man möchte gar nicht mehr aufhören.
    du hast unglaublich viel talent! ich liebe es, deinen blog zu lesen!

  2. Frankie spricht neuerdings ein wenig gestelzt, huh? (Soll keine Kritik sein, ist mir gerade nur so aufgefallen.) Dennoch, ich verstehe ihre Einstellung zum Meer gut und würde aus demselben Grund nicht am Meer wohnen wollen. Wenn die salzige Luft, das Gefühl des Sands unter meinen Füßen zur Alltäglichkeit würde, verlöre es sehr schnell seinen Zauber, und das würde mir wohl viele schöne Kindheitserinnerungen zerstören.

  3. Hi,

    du hast aber auch ein außerordentliches Talent! Wow!

    Wenn du immer noch möchtest, darfst du den Text von meinem Blog nutzen, sofern du ihn verlinkst 🙂

    Viele Grüße

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