Unbekannt verzogen.

Manchmal hat man dieses seltsame Gefühl, dass Menschen plötzlich aufhören zu existieren, wenn sie sich entschließen, nicht mehr Teil des eigenen Lebens zu sein. So, als gingen sie zur Tür heraus und das wars dann.

Vielleicht ist das so, weil sie die Nebenrollen unseres Lebens sind. Und wir sind die Hauptrolle. Vielleicht sollte man sich das ein wenig wie in einer Serie vorstellen: Selten erinnern sich die Hauptcharaktere noch an herausgeschriebene Charaktere, fast so, als hätten sie nie existiert, als wären da nie diese unzähligen Menschen gewesen, die einst eine wichtige Rolle in ihrem Leben spielten. Die einst mehr waren als nur austauschbare Nebenrollen. In Serien funktioniert das Vergessen leicht. Für Serien gibt es Drehbücher und Autoren, die sorgsam überlegen, wann es an der Zeit für einen Protagonisten ist, nach vorne zu schauen. Im wahren Leben ist das schwieriger.

Es bleibt immer etwas zurück, wenn jemand geht: Briefe und Fotos, Bücher und CDs, die nicht einem selbst gehören, sondern dem anderen, der sie vergessen hat, so wie man ihn am liebsten vergäße. Und das verdammte Kopfkino, das sich all die Momente merkt, in denen man glücklich war und die, in denen man gelitten hat, wohlwollend ganz weit nach hinten schiebt. Schaltet man das Kopfkino ein, so ist da nur dieser eine, perfekte, runde Film. Und der schmerzhafte Schluss, den man anzweifelt, den man weder wahrhaben noch verstehen will. Im Kopfkino verdrängt man, dass viele kleine Risse dazu geführt haben, dass irgendwann ein sauberer Schnitt gemacht werden musste. Im Kopfkino gibt es nur die eine Vorstellung: Die, die einen Oscar verdient hätte.

Manchmal hat man dieses seltsame Gefühl, dass Menschen einfach zu existieren aufhören, wenn sie sich entschließen, nicht mehr Teil des eigenen Lebens zu sein. Und dann trifft man sie beim Bäcker an der Ecke oder beim Zahnarzt, als hätte man dort nicht schon mit genug Schmerzen zu kämpfen, sieht ihr Bild in der Zeitung, untertitelt mit „… wurde zum Abteilungsleiter befördert“ oder „… gewann sein letztes Tennismatch souverän“. Manchmal reicht es sogar schon, versehentlich ein Wort zu benutzen, dass der, der ging, so gerne benutzt hat oder in dem Schrank, in den man so selten guckt, drei Tuben seiner Lieblingszahnpasta zu finden. Manchmal reicht es, nur die Vermutung zu haben, heute könnte einer dieser Tage sein, an dem man gezwungen ist, sich zu erinnern, dass die, die gehen, auch weiterhin existieren. Dass sie nicht rausgeschrieben worden sind und eine neue Rolle spielen, sondern immer noch die gleiche Lieblingsfarbe haben oder jeden verdammten Goldfisch Molly nennen, sonntags bei ihren Eltern anrufen und irgendjemandem beim Aufwachen „Ich habe dich vermisst“ ins Ohr flüstern, obwohl man doch nur durch ein paar Stunden Schlaf getrennt war. Irgendjemandem – nur nicht einem selbst.

(Bild via.)

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4 Comments

  1. Manchmal ist es eine Qual zu wissen, dass der andere jetzt vielleicht zur selben Zeit den Mond anschaut oder im Kinosaal nebenan sitzt. Und was noch mehr schmerzt: Er tut das möglicherweise mit einer anderen.

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