Die Achillesferse.

Meine Mutter hat immer gesagt, eines Tages würde einer kommen, der meine Achillesferse kennen würde. Einer, der mir so sehr weh tun würde, dass ich es kaum noch schaffen würde, aufrecht zu gehen. Und ab dem Punkt würde ich wissen, dass es besser wäre, weniger zu lieben, leidenschaftsloser, bedachter auf das, was noch von mir übrig ist.

Ich habe ihr das nie geglaubt. Ich habe ihr nie geglaubt, dass es vielleicht seine Vorzüge haben könnte, wenn einem ein Partner gegnügt. Wenn man jung ist, dann geht es nicht ums Genügen, dann geht es nicht darum, dass man sich vorstellen kann mit seinem Gegenüber eines Tages im Seniorenstift Silberstreif Scrabble zu spielen. Vielleicht geht es da bei manchen Mensch nie drum. Mir ging es nicht um einen Familienkombi und um ein Gemeinschaftskonto, um allsamstäglichen Sex nach den Tagesthemen und um zwei Kinder namens Marie und Lukas. Mir ging es darum, in jemandem zu ertrinken, vor Liebe nicht weiter zu wissen, Wände einzureißen, bis meine Finger bluteten.

Und dann lernte ich dich kennen.

Du warst kein samstäglicher Sex nach den Tagesthemen, du passtest nicht in einen VW-Van, mit dir konnte ich mir kein Scrabble im Seniorenstift vorstellen. Manchmal konnte ich mir kaum vorstellen, dass du am nächsten Morgen, nach dem Aufwachen, wirklich noch neben mir liegen würdest.

Ohne einander hätten wir es sehr viel leichter gehabt. Wir hätten nicht jede Entscheidung rechtfertigen müssen, was immer und immer wieder zu Streitereien führte, in denen niemand die Oberhand gewinnen konnte, weil wir beide Menschen waren, die nicht nachgeben konnten. Scheitern konnten wir, immer schöner, aber nicht nachgeben und schon gar nicht aufgeben. Vielleicht hielt das mit uns so lange, weil wir uns nicht eingestehen konnten, dass wir den Punkt, an dem es besser war, dass einer ginge, ohne zurückzukehren, schon längst erreicht hätten. Das wäre Auf- und Nachgeben gewesen, in einem einzigen Atemzug.

Es war ein Samstag, als du dann tatsächlich gingest, ein Jahr, nachdem wir beide hätten gehen können, ohne unsere Würde und unser Gesicht zurückzulassen, in der Wohnung, in der wir gestritten und geschrien hatten, um uns leidenschaftlich zu versöhnen und danach weiterzustreiten. Es war ein Jahr zu spät, als du gingest und als du es dann an meinem Lieblingswochentag tatest, da wusste ich, dass ich sehr lange jeden Freitagabend den Samstag fürchten und mir den Samstag über den Sonntag herbeisehen würde, nur um zu vergessen, wie all das geendet hatte. Als du gingest, da hatte ich Angst, dass meine Mutter recht haben könnte. Dass du meine Achillesferse gefunden hattest und ich künftig mit weniger zufrieden wäre, nur um mich selbst zu schützen.

Bislang bin ich noch niemandem begegnet, der mich davon überzeugt hätte, dass meine Mutter falsch lag.

(Bild via.)

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9 Comments

  1. „Mir ging es darum, in jemandem zu ertrinken, vor Liebe nicht weiter zu wissen, Wände einzureißen, bis meine Finger bluteten.“ Wow. ♥

  2. interessanter text! meiner vorkommentatorin kann ich mich nur anschließen. die textstelle ist wirklich *wow*. allerdings ist gingest präteritum konjunktiv II. das ist die möglichkeitsform. nur als kleine anmerkung.

  3. Unglaublich, diese Reife, die aus deinen Worten spricht!Du bist doch noch so jung!

    ********Tausendsterne-Worte, die du da immer wieder zur Welt bringst!

    Gudschi

  4. Es war der 14. FebrUar als wir uns das Erste Mal küssten. Lange und intensiv, mit leidenschaft. Und es war ein Wochenende iM Oktober, als Ich Dir sagtE, ich bin nicht mehr glücklich. Und zwischen drin 4 ½ jahre, in denen wir Uns ab und AN leidenschaftlich küssteN und LieBten, stritten und uns anschrien. Tage, an denen iCh frühS aufwachte Und MicH fragte, ob du wohl guTe LauNe oder Schlechte hättest. ES waR AnfANg November, Als ich verKAtert deInen 3 seitigen Liebesbrief auf dem Tisch iM Wohnzimmer fand und ihn nichT lesen Wollte. Ich Wollte nicht wissen, was du an mir liebst. Weil es mir egal war. Irgendwann las ich Ihn dann doch.

    KaUm einE EriNNerung finde IcH in meinEM Kopf. Das ist die Schuld meiNes Herzens,das micH vor SchmERz bewahren will und mir BeI jeglicher Vorstellung an Dich und die Frage, Wie ES diR wohL geht mit „ES war Die RichtIge EnTsCheidung“, beantwortet. DoCH mAnchmal, iN schWierigen Momenten, wo es nichTS in miR gibT, was mIch abhäLt, eiNe Erinnerung zu wagen, tut es ein kleines bisschen weh.

    HeuTe ist dER 14. FebrUAr, deINen LiebESbrIEF habE ich Heute nACht 0:03 Uhr verbrannt…und Ab Und Zu fraGE iCh mich, ob ich JemALs WieDER so LeiDEnschaftLIch liEben kann, Wie ICH es BeI Dir tat…
    deswegen hasse ich diesen tag.

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