Wegwerfen, solange man noch kann.

Eines Tages werde ich bestimmt bereuen, dass ich es weggeworfen habe. Vielleicht werde ich schon morgen hier stehen und mich fragen, warum zum Teufel ich nicht mehr im Besitz dieses Teiles bin. Ach, ich werde es einfach behalten. Ja. Genau. Da ist noch ein Eckchen frei. Wenn ich quetsche, dann wird es schon gehen.

So funktioniert das nicht. Nie.
Jedenfalls sollte es das nicht, wenn man nicht eines Tages die Tür öffnen und von der Pottsau Altlast erschlagen werden möchte. Wenn man da nicht eines Tages stehen möchte und sich eingestehen muss, dass man von allem etwas hat und dass das irgendwie zu viel ist.
Für mich ist Besitz irgendwie erdrückend.
Das ist der Grund, warum ich nie wirklich reich werden möchte. Der Gedanke, von allem zu viel zu haben, deprimiert mich. Überfluss deprimiert mich. Der Gedanke, eines Tages einen Umzugs-LKW für meinen Hausstand zu benötigen, schnürt mir die Luft ab.
Wie kann man frei sein, wenn da von allem etwas ist, aber kein Platz für sich selbst?
Es ist doch oft der Ballast, der uns davon abhält, un frei fühlen zu können. Der Ballast, der einem Kopfzerbrechen bereitet, obwohl das eigentlich alles ganz anders sein könnte – einfacher nämlich.

Eigentlich fängt das bei mir alles in der Kindheit an, die Sache mit der Altlast. Ich bin Einzelkind und wie viele Einzelkinder ist da dieses große Zuviel, das die Kindheit begleitet. Einzelkind, Einzelenkelin, Einzelpatenkind. Man bekommt Geschenke und weil man ein Kind ist sagt man nie nein, wenn einem jemand etwas anbietet, was man eigentlich gar nicht braucht, schon in doppelter Ausführung hat. Die Kinderaugen glänzen und die Schränke im Kinderzimmer werden immer voller.
Und dann irgendwann kommt der Tag der Erkenntnis. Wenn man älter ist. In einem unordentlichen, zugemüllten Zimmer steht und die Eltern einen anschreien, weil man einfach keine Ordnung in das Chaos bringen kann. Irgendwann reicht es einem dann. Weil man weiß, dass das Anschreien irgendwie gerechtfertigt ist, man sich am liebsten selbst anschreien würde und etwas passieren muss. (Ich muss da so 13 oder 14 gewesen sein, als es mir irgendwie reichte.)
Ich habe vieles ausprobiert, um die Situation zu entschärfen: Ich habe Dinge in Kisten gepackt und in Schränken verstaut, mich am Anfang nicht getraut, etwas wegzuwerfen oder wegzugeben. Eben weil ich nicht dazu erzogen wurde, mich von etwas zu trennen. (Meine Mama ist auch eher der Typ Sammlerin, es könnten ja schlechte Zeiten kommen und überhaupt.) Und dann vor ein paar Monaten habe ich erkannt, dass ich am Besten mit einer guten Balance aus Wegwerfen-Weggeben-Behalten leben kann. Ich werde nie alles wegwerfen oder weggeben können, dafür bin ich zu gefühlsduselig, aber um alles zu behalten, dafür bin ich zu pragmatisch und nüchtern. Ich glaube daran, dass es richtig ist, Klamotten wegzugeben, die einem nicht mehr gefallen und Haarshampoo wegzuwerfen, von dem man sich die Kopfhaut blutig gekratzt hat. Ich finde es okay, nur an einer handvoll Dinge zu hängen und vieles einfach nur als Alltagsgegenstände anzusehen. Ich glaube zwar, dass Erinnerungen wichtig sind, aber ist es nicht viel wichtiger, was für Erinnerungen für immer auf unserer inneren Festplatte liegen? Nicht das Anfassenkönnen des Gegenstandes ist das, was wirklich wichtig ist, sondern die Geschichten, die einem einfallen, die Situationen, in denen er wichtig war, die Fotos, auf denen er zu sehen ist. (Vielleicht wäre es auch eine schöne Idee, Gestände, von denen man sich trennt, zu fotografieren und ein paar Zeilen dazu zu verfassen.)

Mir ist ein aufgeräumter Schreibtisch wichtig und ordentlich abgeheftete Kontoauszüge, die ich niemals in der Mitte knicken würde, damit sie in die Handtasche passen. Mir ist es wichtig, keine Leseknicke in den Buchrücken der von mir gelesenen Bücher zu hinterlassen und ich kann es nicht leiden, wenn jemand eine Schublade offenstehen lässt oder seine Tasche achtlos auf den Boden wirft. Ich falte alle Handtücher nach exakt der gleichen Methode auf, so, dass sie ein Quadrat bilden und alle aufeinander gestapelt werden können und das Auffalten meiner Bettwäsche gleicht einem Staatsakat. Ich liste alles auf, was zu erledigen ist und verspüre dieses befriedigende Gefühl, wenn ich etwas Erledigtes durchstreichen kann, mit Lineal und Rotstrift und einer bilderbuchreifen Linie. Wenn ich eines Tages eine Küche habe, dann habe ich ein Gewürzregal mit identisch aussehenden Gewürzgläsern, auf denen mit geschwungener Handschrift steht, um was für ein Gewürz es sich handelt. (Und dabei kann ich nichtmal kochen.) Ich hasse putzen, aber ich liebe aufräumen. Weil Aufräumen befreit und den Kopf frei macht, weil es schön ist, etwas mit Stolz betrachten zu können, dass man in Ordnung gebracht hat. (Wäre das beim Putzen doch auch so – einmal geputzt und es würde nie, nie wieder dreckig, außer man legte es darauf an.)

Ich glaube, dass äußerliche Unordnung viel über das Seelenleben eines Menschen verrät. Ich bin ein ordentlicher Mensch.

(Bild via.)

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7 Comments

  1. Ich mag es auch aufzuräumen und zu sortieren. Allerdings erst, wenn mein Zimmer im totalen Chaos versinkt. Wenn ich aufräume, dann will ich den Unterschied zwischen Vorher und Nachher sehen können. Weil ich mit dieser Veränderung auch mich selber sortiere (ganz ähnlich also wie du es geschrieben hast) und das gerne durch meine Umgebung verkünde.

    Deshalb hasse ich es Staub zu wischen. Den Unterschied sieht man so selten und nach fünfzehn Minuten ist eh wieder alles mit einer dünnen Schicht Staub bedeckt. Das ist deprimierend und ärgerlich.

  2. Ich bin eine wilde Mischung aus ordentlich und unordentlich. Mein Bett ist immer gemacht und mein Schreibtisch immer aufgeräumt. Zettel liegen ordentlich in der Ablage, Dinge wie Schlüssel oder Geldtasche werden immer an die selbe Stelle gelegt, die Zigarettenpackungen sauber übereinander gestapelt. Aber auf meiner Couch, auf der ich nie sitze, liegt Schmutzwäsche, alte Zeitungen, halb oder ganz gelesene Bücher.

    Ich weiß nicht was das über mich aussagt. Aber ich kann damit gut leben.

  3. Aufräumen macht mir an manchen Tagen auch unheimlichen Spaß. (:
    Ich kann zum Beispiel nicht lernen, wenn mein Zimmer unordentlich ist. Und wenn wir Pizza bestellen und ich mich abends gemütlich in mein Zimmer setzen will, Grey’s Anatomy schaue und Pizza esse :d, muss es ordentlich sein. ^^
    Ordnung ist etwas ganz wichtiges und herrscht zur Zeit in meinen vier Wänden überhaupt nicht. 😦
    Könnte daran liegen, dass ich nie zu Hause bin. Nur noch zum Essen und zum Schlafen.

  4. schöne beobachtung im letzten teil. jetzt gerade geht es mir auch wieder so: sitze in meinem heute vormittag aufgeräumten und geputzen zimmer und freue mich. ich fühl mich dann gleich viel wohler.
    letztens hatte ich allerdings ein bissken schwierigkeiten, weil ich so ordentlich bin: sollte das fenster im alden dekorieren und wenn man da zu ordentlich sieht es schnell langweilig aus 😉

  5. „Ich glaube, dass äußerliche Unordnung viel über das Seelenleben eines Menschen verrät. Ich bin ein ordentlicher Mensch.“

    Gott klingt das selbstgerecht….

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