Das letzte Mal.

„Weißt du noch, wann du das letzte Mal mit deiner Frau geschlafen hast? Weißt du noch, wann du sie das letzte Mal in deinen Armen gehalten und geliebt hast? Weißt du das noch?“ Frankie beugte sich vor und lackierte ihre Fußnägeln in einem tiefen Rot. Blutrot. Ihre Stimme zitterte ein wenig. Paul hatte gesehen, dass sie nur zwei Flaschen Nagellack bei sich trug: Tiefrot und tiefschwarz. Frankie war kein Mensch für sanfte Nuancen, für irgendwas dazwischen. Frankie war ein Mensch fürs Ganze. „Mich würde interessieren, ob sich euer letztes Mal wie das letzte Mal angefühlt hat, wie ein sauberer Schnitt, der Abschied, etwas, das einen Punk hinter das setzt, was man gehofft hat, nie beenden zu müssen.“
Irgendwann in den letzten Tagen hatte Paul sich daran gewöhnt, dass Frankie Fragen stellte, die sich niemand sonst zu fragen traute. Fragen, die ihm Wahrheiten vor Augen führten, die er eigentlich auf dieser Reise hatte vergessen wollen.
Er hatte aber auch gelernt, dass es wichtig war, diese Fragen zu beantworten, da sie einen ansonsten den ganzen Tag verfolgten, wenn man die Antwort nicht einmal laut formuliert hatte, nicht einmal dazu gezwungen gewesen war, etwas zu beantworten, auf das es vielleicht eigentlich gar keine Antwort gab.
„Es war an einem Dienstag im November. Lene war nicht zu Hause. Wir haben schweigend zu Abend gegessen und schweigend die Tagesschau gesehen und schweigend der Sonne beim Untergehen zugesehen. Dann sind wir ins Badezimmer gegangen und haben uns gewaschen, die Zähne geputzt, uns unsere Schlafanzüge angezogen. Es war alles kühl, Routine, aber da war dieser seltsame Beigeschmack der Verzweiflung. So, als ginge man zu seiner Hinrichtung. Wir haben das Licht im Schlafzimmer nicht angemacht, sondern uns im Dunkeln stumm die Schlafanzüge wieder ausgezogen und uns geliebt, auf den weißen Laken, die mich immer ein wenig an Krankenhaus erinnert haben. Es fühlte sich verzweifelt an, als hätten wir schon vor einer ganzen Weile resigniert. Wir haben uns nicht geküsst, uns nicht in die Augen gesehen. Irgendwann war es vorbei und wir sind eingeschlafen, ohne ein Wort. Den ganzen Abend kein Wort. Am darauffolgenden Tag habe ich meinen Koffer gepackt und bin gegangen.“
Er fuhr sich durch das ohnehin schon in alle Richtungen abstehende Haar. „Ich verbinde seither jeden Sonnenuntergang mit einem Abschied.“
Frankie blickte nach draußen, in den rotblau schimmernden Abendhimmel, der die Nacht ankündigte, die Nacht mit all ihren Geheimnissen und Gefahren. „Aber was bleibt, ist doch die Hoffnung, dass die Sonne wieder aufgeht. Was bleibt, ist die Hoffnung, dass irgendwann der neue Tag heller strahlt als der, den man hinter sich gelassen hat. Dass das, was nicht mehr ist langsam verblasst.“
„Dazu muss man es aber erstmal bis zum nächsten Tag schaffen.“

***

(Bild via.)

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3 Comments

  1. Die Stimmung ist spürbar und nimmt gefangen. Mirka, Verdachtsmoment ähm Alexa – du schreibst für dein Alter erschreckend reife Gedanken danieder. Diese wiederum in einer erfrischenden, jugendlichen Art und Weise. Das beeindruckt mich immer wieder.
    Ich freue mich schon darauf, dein gedrucktes Buch in Händen halten zu können!
    Du gehörst nämlich unbedingt gedruckt!
    Wenn nicht du, wer dann 🙂

    Grüsschen
    Gudschi

  2. Wundervoll. Einfach wundervoll. Das beste, was ich je gelesen habe. Danke für deine tollen Geschichten, die mir immer wieder den Tag retten. Mach weiter so 🙂
    Liebe Grüße, deine Herbstrose

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