Fragil wie eine Seifenblase.

Was würde ich eigentlich ohne dich tun? Ginge das Leben weiter, wenn du plötzlich nicht mehr da wärest? Möchte ich das überhaupt wissen, jetzt, wo noch alles gut ist? Möchte ich wissen, was für Risse und Wunden, was für Schmerzen und Brüche übrig blieben, wenn du gingest? Möchte ich mir überhaupt ausmalen, dass es irgendwann passieren wird? Möchte ich einen kleinen Film in meinem Kopf haben, wie ich eines Tages die Wohnungstür aufschließen werde und deine Turnschuhe nicht neben dem Garderobenständer stehen? Wie im Kühlschrank die Naturjoghurts fehlen und deine Klamotten im Schrank? Ich sehe die leeren Regalbretter im Wohnzimmer, die Bretter, auf denen jetzt deine Bücher stehen,  die du niemandem leihst, weil du persönliche Notizen hineinkritzelst und sie dir peinlich sind, im Nachhinein. Sogar ich darf deine Bücher nicht anrühren. Ist das vielleicht der Anfang? Dass ich nicht wissen darf, was du denkst, beim Lesen? Ist das der Anfang vom Ende?

Draußen drehen sich die Windräder, gleichmäßig und in schlichter Anmut. Aber immer ist da eine, die sich nicht dreht. Eine, die defekt ist. Während die anderen funktionieren steht sie da und kann nicht weitermachen, nicht mehr ihre Arbeit tun. Sie dreht sich nicht, auch nicht, wenn es stürmt. Aber: Die anderen Windräder hören hin und wieder auch auf sich zu drehen – bei völliger Windstille. Welches Windrad möchten wir lieber sein? Das, das sich nicht dreht, während es die anderen tun, das sich heraushebt, das sich nicht wieder zu drehen beginnt, wenn die anderen es nach dem Ende einer langen Windstille tun? Das, das nicht hineinpasst und das alle reparieren wollen, obwohl es vielleicht gerade richtig so ist? Oder die, die funktionieren, die tun, was von ihnen erwartet wird, die sind, wie Windräder eben zu sein haben. Manchmal habe ich Angst, dass du das Windrad in Bewegung bist und ich das, das nicht richtig funktioniert. Bewegung und Stillstand, der Aspekt, der mir weitaus weniger behagt als Individualität und Gruppenzwang.

Ich möchte es mir nicht ausmalen. Ich möchte mir nicht ausmalen, wie es sein wird, wenn du irgendwann gehst und da all diese Fotos auf meiner Festplatte sind, die ich löschen werden muss, in dem Wissen, dass die auf der inneren Festplatte für immer eingebrannt sind. Ich möchte nicht austesten, wie fragil das Band zwischen uns ist, ob es nur einen Windhauch benötigt und wir werden auseinanderreißen wie eine Seifenblase. Ich möchte nicht wissen, wie viel von mir noch übrig bliebe, wenn du gingest.

(Bild via.)

Advertisements

5 Comments

  1. Hach!
    Haaaaaaaaaaaaachhhhhhh!
    Danke.

    (Die innere Festplatte verblasst nie, sie idealisiert nur zunehmend. Und dennoch ist es töricht, die digitalen Bilder zu löschen. Es hilft nicht und ändert nichts und führt nur dazu, dass man sich später grämt deswegen.)

  2. Gestern habe ich einen schrecklich traurigen Beitrag über ein Mädchen gesehen, das schwerst körperlich berhindert zur Welt kam und mit 14 Jahren friedlich in einen Kinderhospiz starb.

    Dieser Text passt so genau, so genau…. zu dem, was die Mutter fühlte, der kleine Bruder, und ich auch.

    Wer weiß schon, wo wir hingehen?

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s