Als hättest du dich selbst erschossen.

Sag, hast du dich schonmal gefragt, wie viel du von deinen Mitmenschen weißt, von den Menschen, mit denen du tagtäglich verkehrst? Sag, weißt du, wer ich bin? Wen ich geliebt habe und schrecklich vermisse? Um wen ich geweint habe und mit wem gelacht? Weißt du etwas von mir, das ich mir selbst kaum einzugestehen erlaube? Sag, kennst du mich?


Vierzig Parteien. Vierzig Parteien lebten in seinem Haus. Er hatte alle Haustüren abgeschritten, war mit dem Zeigefinger über Namensschilder gefahren und hatte festgestellt, dass er nicht einmal alle Namen von seinem Flur fehlerfrei hätte schreiben können. Den von der jungen Frau, die ihm immer zulächelte, wenn sie sich abends im Treppenhaus begegneten, hatte er nicht einmal gekannt. Effi Schuster. Da waren diese vielen Menschen, die alle eine Geschichte hatten, eine Vergangenheit, eine Gegenwart und vielleicht eine Zukunft, all diese Menschen. Enttäuscht waren sie, manche mehr als andere. Ein paar lebten schon immer hier, ein paar Gesichter hätte er zeichnen können, wenn er hätte zeichnen können. Die Frau mit dem Pudel. Gianna, kack nicht immer inne Blumen! Dat is pfui! Der LKW-Fahrer, den er mitten in der Nacht polternd von seinen Touren zurückkommen hörte. FUCK! WER STELLT IMMER DIESEN BESCHISSENEN WISCHMOPP IN DEN WEG?! Das kleine Mädchen mit den geflochtenen Zöpfen, das immer stehen blieb um ihm etwas aus ihrem Leben zu erzählen. Weißt du was, Lucas, ich werde im Sommer eingeschult. Dann bin ich viiiiiiiiel wichtiger als mein Bruder! Ellen, die neben ihm wohnte, mit der er im Frühling geschlafen hatte, die zehn Jahre älter als er war und Polizistin. Lucas, ich habe diese Woche einen Menschen erschossen. Darauf werden wir vorbereitet, auf den Ernstfall. Wir wissen, wie wir damit umzugehen haben. Aber das ist eben alles nur Theorie. In der Theorie ist da kein Gesicht, in das du geblickt hast, als du den Abzug drücktest. In der Theorie ist alles ohne Farben und Geräusche und Gerüchte. In der Theorie tut es nicht weh. Aber die Realität ist anders. Es ist, als hättest du dich selbst erschossen. Manchmal hörte er die pummelige Studentin in der Wohnung über ihm mitten in der Nacht duschen und schief singen, sie klang so glücklich, dass er sie gerne gefragt hätte, ob es dafür ein Rezept gäbe, ob sie es ihm verraten würde. Ob sie ihm sagen könne, wie man glücklich würde, obwohl man doch so viele Makel hatte. Er hatte noch nie ein Wort mit ihr gewechselt. Das Paar von gegenüber, das jeden Samstag Sex hatte und sich immer stritt, wenn er sie auf dem Weg zur Arbeit traf.

Die Wände im Haus waren dünn, manchmal zu dünn, manchmal nicht dünn genug.

Kannte er einen dieser Menschen wirklich? Kannte er ihre Sehnsüchte? Wusste er wer sie waren? Nein. Er wusste es nicht. Das, was er wusste, verschwamm zu einem bunten Potpourri, gemischt mit Vermutungen, Vorurteilen, Hoffnungen. Er wusste nichts über diese Menschen. Und sie nichts über ihn. Nie war ihm die eigene Anonymität befremdlicher erschienen, als beim Abschreiten der Klingelschilder.

(Bild via.)

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3 Comments

  1. Huch, noch kein Kommentar?! Na, dann wollen wir das doch gleich mal ändern! 😉 Die Geschichte ist dir wirklich gut gelungen, es stimmt einfach alles. Weiter so, ich freue mich auf mehr 🙂

  2. Wow- genau darueber denke ich jeden Tag nach. Ob diese Leute, denen ich begegen, ob sie mich kennen. Und ich komme jeden Tag zu dem Entschluss: nein.
    Du hast das wahnsinnig toll in Worte gefasst.

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