Die Begegnung, Teil 3.

Natürlich hatten sie ausgerechnet eine Frau wie Frankie erwischen müssen. Eine dieser Frauen, die laut lachten, wenn jemand einen blöden Witz machte, ihre Haare zurückwarfen, ohne dabei lächerlich zu wirken, und bei denen man nie wusste, wie viel von ihrer preisgegebenen Persönlichkeit Inszenierung war und wie viel echt.

Lene war ein echter Mensch und deswegen mochte sie Frankie nicht.

Sie mochte nicht, wie Frankie sie ansah, wenn Lene etwas sagte, das weder lustig noch optimistisch war; sie sagte sehr selten etwas, das in eine der beiden Kategorien oder gar in beide gefallen wäre. Lene war kein optimistisches Mädchen. Nicht mehr. Sie mochte nicht, wie Frankie ihr Obst aß, wie ihr der Saft das Kinn herunterlief, ohne Spuren auf ihrem T-Shirt zu hinterlassen, das irgendeine Band zeigte, die Lene nicht kannte, ihr Vater aber schon. Lene mochte ganz und gar nicht, wie Frankie und ihr Vater miteinander umgingen, wie sie feststellten, dass sie die gleichen Bücher mochten und als Kinder Lebertran hatten zu sich nehmen möchten, dass sie im gleichen verschlafenen Kuhkaff im Allgäu ihre Kindheitsurlaube verbracht hatten. Lene hatte gehässig angemerkt, dass zwischen den Urlauben, die ihr Vater als Kind dort verbracht hatte und zwischen denen, die Frankie dort verbracht hatte, gut zwei Jahrzehnte liegen müssten. Daraufhin waren beide ganz still geworden und Frankie hatte das Radio lauter gedreht.

Sie mochte Frankie nicht, weil sie so präsent war auf dieser Reise, die kein Ziel kannte, die einfach nur hinter sich gebracht werden wollte. Frankie verlieh dieser Reise eine gewisse Ernsthaftigkeit, die Lene nicht passte: Frankie blätterte im verdreckten Straßenatlas, kommentierte die Leute, die sie auf Rastplätzen sahen und fotografierte alles und jeden, ohne zu fragen, ob das okay sei. Auch Lene war mehrfach ungefragt vor die Linse geraten, obwohl sie es hasste fotografiert zu werden. Noch mehr hasste sie es, wenn Menschen Fotografien von ihr in Alben klebten und mit bedeutunsschwangeren Bemerkungen versahen. Lene, zum ersten Mal auf dem Arm ihres stolzen Vaters. Lenes 14.Geburtstag, sie sah sich „Titanic“ mit ihren Freundinnen an und hatte Spaß. Lene, Mama und Papa am Strand, genießen das erste Eis des Jahres. Vor allem die Fotos des letzten Familienurlaubs konnte sie sich nicht ansehen, weil ihre Mutter die Hoffnung zum Zeitpunkt des Bildereinklebens noch nicht aufgegeben hatte. Weil sie Wörter und Bemerkungen wie „glücklich“ und „ausgelassen“, „fröhlich“ und „erschöpft, aber zufrieden“ mit Füller neben die Bilder im dicken, schwarzen Fotoalbum geschrieben hatte. Im Winter war ihr Vater dann ausgezogen. Sie hoffte wirklich, dass sie nicht würde miterleben müssen, wie Frankie die Fotos dieses Sommers in irgendein Album klebte. Sie wollte, dass Frankie verschwand, am nächsten Zwischenstop. Verschwand und ihre unmenschliche Energie und ihren beklemmenden Übermut wieder mitnahm.

Aber da war irgendetwas anderes, was ihr an Frankie wirklich übel aufstieß. Etwas, das sie nicht benennen konnte. Und das war das eigentliche Problem.

(Bild via.)

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9 Kommentare

  1. Wunderbare Fortsetzung 😉 Schön, dass du auch etwas über Lene erzählst und dich nicht nur auf Frankie und Paul beschränkst – das macht die Geschichte erst richtig spannend 😉
    Weiter so 🙂 Gruß, Herbstrose

  2. Das ist genau, was ich in Frankie sehe, einer dieser verstellten, pseudo-magersüchtigen Schönheiten, die nie eine Meinung haben, aber immer Weisheiten von sich geben. Wunderbar zu verlieben aber schwer zu ertragen. Und genau diese Frankie wird vermutlich noch phänomenal auf die Nase fliegen und der Lack wird blättern und Lene wird eine Frau vorfinden, die gar nicht so furchtbar ist. (Was drei Texte für Interpretationsspielraum lassen. Tolltolltoll. Ich liebe das. Mehr!) Lene mag ich sehr, sie will nicht um jeden Preis etwas besonderes sein und sie ist es auch nicht, aber – wie du richtig schön gesagt hat, sie ist echt.

    Ich liebe die Geschichte. Ich bin schon richtig drin und normalerweise dauert das bei mir bis zu 50 Seiten… Herzlichen Glückwunsch, Alex. Ich bin süchtig nach der Geschichte.

  3. Wow. Nach den ersten Teilen hatte ich einen ganz anderen Eindruck von Frankie, als ich ihn jetzt habe. Ein sehr gelungener Perspektivwechsel. Ich freue mich jetzt schon auf weitere Teile.

  4. Ich merke, dass du deinen Stil gefunden hast. Wenn du jetzt Texte schreibt, sind sie sich ähnlich. Sie sind ähnlich wundervoll. Das meint nicht, dass du immer das gleiche schreibst, sondern immer einem Erzählstil treu bleibst und den durchhälst. Das ist etwas, worum ich dich ein ganz klein wenig beneide.
    Dein Stil ähnelt ein wenig dem von Lisa Rank, nicht eine billige Kopie davon, aber ein ähnlicher, leicht meloncholischer Stil, der einen dazu bringt immer und immer weiter zu lesen.

    Vielleicht sollte ich mir auch mal einen Textblog machen und üben. Wie machst du das, das du so viel Zeit und Motivation hast? Wenn ich einen Laptop hätte, mit dem ich mich in mein Bett kuscheln könnte…

    Warum schreibe ich dir das eigentlich nicht per Mail? Statt dir endlich mal auf deine Mail zu antworten schreibe ich lieber einen langen Kommentar. So können sich die anderen auch dran erfreuen, was solls.
    Liebe Grüße

    1. Erst einmal: Danke. Vielen, vielen Dank. *rotwerd* Es hat ziemlich lange gedauert, bis ich da angekommen bin, wo ich heute bin, bis ich meine Richtung gefunden hatte. Geschrieben habe ich eigentlich schon immer. Ganz am Anfang eine skurrile Kindergeschichte über ein einkaufendes Schwein. Da war ich 7. Dann, etwas später, habe ich angefangen, mir abenteuerliche Familiengeschichten auszudenken, weil ich so gerne ganz viele Geschwister haben wollte und eben nur Einzelkind ohne größere Verwandtschaft war. Familiengeschichten habe ich wirklich, wirklich lange geschrieben. Kurz danach hatte ich eine kurze Phase, in der ich versucht habe, typische Frauenromangeschichten zu schreiben, ich habe hier noch eine ganze Mappe voller Ideen für solche Frauenromane liegen, die ich gerne an Interessierte weiterleite, da ich persönlich nicht vorhabe, je wieder etwas in die Richtung gehendes zu schreiben – ich mag keine Geschichten mit einem klaren Happy End und freudestrahlenden Gesichtern. Außerdem verlaufen Frauenromane fast alle nach dem Schema X: Ungleiches Paar lernt sich durch irgendeinen Zufall kennen, er ist oftmals berühmt, auf jeden Fall aber großkotzig und ungehobelt, sie eher unsicher, durchschnittlich, zurückgezogen, gegenbenfalls Jungfrau oder hat eine Reihe unbefriedigener Beziehungen hinter sich – beide Ende 20 oder Anfang bis Mitte 30, die Geschichte plätschert bis zur ersten Sexszene, in der immer die Gleichen Sätze verwendet werden, in immer der gleichen Anordnungund, und er ihr immer Sachen beibringt, die sie so im Bett noch nie erlebt hat, öde vor sich hin, danach gibt es Streit, das Paar versöhnt sich kurzfristig wieder, auf den letzten 40 Seiten kommt es zum Streit-Super-GAU-Showdown, am Ende liegen sich aber alle in den Armen, weinen und heiraten. Ich habe bestimmt mehr als 100 solcher Bücher gelesen, irgendwann kam dann aber der Punkt, an dem ich einfach nur noch genug hatte und sowas weder lesen noch schreiben konnte und wollte. Meine ersten ernstzunehmenden Gehversuche machte ich mit einer Geschichte, die ich vor genau einem Jahr bei myfanfiction veröffentlichte, es ist aber keine Fanfiction, sondern eine Geschichte, die in Rückblenden die Beziehung von Charlotte zu ihrem Lehrer erzählt. (Diese Charlotte tauchte in einer Kurzgeschichte, die ich vor kurzem hier veröffentlicht habe, mal wieder auf. Irgendwie bin ich gedanklich mit der Geschichte noch nicht ganz durch, auch wenn mir das, was ich vor einem Jahr geschrieben habe, nicht mehr so gut gefällt, weil ich merke, dass ich mich weiterentwickelt habe. Keine Ahnung, wie viel Spielraum für Weiterentwicklung bei mir Schriftstellerisch noch ist, aber wenn ich auf die letzten Jahre zurückblicke, dann habe ich mich immer weiterentwickelt. Zum einen natürlich dadurch, dass ich einfach immer irgendwas geschrieben habe, vor allem aber durch die Bücher, die mich auf dem Weg inspirierten und die genremäßig immer mit meinem Schreibgenre übereinstimmen. (Deswegen lese ich auch kaum Fantasy oder Thriller: Weil ich sowas selbst nicht scheiben möchte.)
      Die Zeit nehme ich mir einfach. Wenn ich nicht schreibe, dann verschwende ich die Zeit mit irgendwas Sinnlosem, beim Schreiben aber bekomme ich den Kopf frei und mein Kopf arbeitet mal für ein paar Minuten nicht auf Hochdruck, sondern ist vollkommen in einer anderen Welt gefangen. (Das kann ich nur, wenn ich drei Dinge tue: Beim Schreiben, beim Duschen oder beim Schlafen. ;)) Die Motivation ist eigentlich meistens von selbst da, es ist keine wirkliche Anstrengung zu schreiben, sondern einfach etwas, das für mich dazugehört wie Zähneputzen oder aufstehen, wenn der Wecker klingelt. Einen Textblog kann ich jedenfalls nur wärmstens empfehlen: Vor allem, weil da draußen so viele Menschen sind, die Lust haben, einem ein Feedback zu geben. Bislang sind mir im Bereich Feedbacks eigentlich nur positive Dinge passiert, was ein sehr, sehr schönes Gefühl ist, wenn man eigentlich erst ganz am Anfang seiner schriftstellerischen ‚Karriere‘ steht.
      (Ich möchte wirklich nicht wissen, wie lang diese Antwort jetzt geworden ist…)

      1. Danke, für deine wahnsinnig lange Antwort!
        ich habe mir direkt gestern Abend noch einen neuen Blog erstellt, den Link habe ich dir ja schon geschickt. Und weil ich so begeistert war, habe ich gestern Nacht direkt angefangen wieder zu schreiben, herausgekommen sind drei Din A4 Seiten, die ich jetzt abtippen und veröffentlichen werde. Es ist ein Anfang, ich gehe in eine andere Richtung, aber es gefällt mir. Ich habe einfach geschrieben, ich weiß nicht, woher die Ideen kamen, ich konnte die ganze Zeit immer weiter schreiben.

        Wir hören voneinander, ich hoffe ich schaffe es bald mal auf deine Mail zu antworten.

        Achso: Ich schreibe jetzt über meinen WordPress Account die Kommentare, das passt besser.

  5. Was mir gerade noch aufgefallen ist: Warum ist der Text in der Vergangenheit geschrieben? Das lässt mich unruhig werden, ich hoffe es passiert nichts mit Lene, denn ich mag sie sehr gerne. Besonders bei „Lene war ein echter Mensch und deswegen mochte sie Frankie nicht.“ ist es mir aufgefallen. Wird Lene ein unechter Mensch? Ich hoffe nicht.
    Aber das ist eine gut gewählte Methode um den Leser zum Nachdenken zu bringen.

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