Die Begegnung, Teil 2.

Es war wieder dunkel geworden.

Frankie drehte am Lautstärkeregler des Radios und räusperte sich. Räusperte sich, ohne etwas zu sagen. Paul warf ihr einen Seitenblick zu. Frankie drehte eine Haarsträhne um ihren Finger und bis sich auf die Unterlippe, als wisse sie nicht, wie sie das, was ihr auf der Zunge lag, ausdrücken sollte.

„Fährst du an der nächsten Raststätte raus?“ Frankie setzte sich auf und fuhr sich mit den Fingern durchs Haar. Sie wirkte bestimmt, so als hätte sie einen Plan, eine Mission.

Paul nickte. Frankie sprach nie viel, vor allem nicht über sich. Dreihundert Kilometer und sie hatten über nichts anderes als Musik, das Buch, das sie gerade las, und seine Scheidung gesprochen. Eigentlich sprach er nicht gerne über seine Scheidung, die Zeit, in der all das, was Karla und er hatten auseinander brach. Das Geschrei, Lenes traurige Augen, der rote Lederkoffer vor dem unteren Treppenabsatz, das Alleineleben nach fast zwanzig Jahren; nur noch eine Zahnbürste im Becher, der Kühlschrank ohne die weibliche Spur aus Tupperdosen und Gesundheitsprodukten, die kalte linke Bettseite, die nicht nur im Winter schmerzlich auffiel. Von seiner Vergangenheit war nicht viel geblieben. Die Fotos hatte Karla behalten, nur das gerahmte Hochzeitsfoto hatte sie voller Pathos in die graue Tonne gepfeffert. Die Möbel, die Couch, auf der sie sich geliebt hatten, der Schaukelstuhl, in dem er Lene als Baby in den Schlaf gewiegt hatte, die Gartenliegen, die alt und instabil waren, aber deren Mohnblumenmuster ihn glücklich gemacht hatte. All das war zurückgeblieben, in der Wohnung, die nun nicht mehr seine war, was ihm bei jeder Gelegenheit vor Augen geführt wurde. Er hatte Tränen in den Augen gehabt, als er seine Adresse bei Amazon hatte ändern müssen und niemand hatte es gesehen. Dass er es wusste, das war schon Last genug.

Vor allem aber hatte Karla Lene behalten und Lene war Alles. Lene, die gerade auf der Rückbank schlief und nicht mit ihm sprach, die ihn mit vorwurfsvollen Blicken ansah, wenn er von der Vergangenheit sprach, die so unglücklich wirkte und zu wenig schlief. Er hatte keine Ahnung, warum er Frankie all das erzählt hatte und fragte sich, ob sie ihm je etwas zurückgeben würde, ihm etwas von sich geben würde.

Er setzte den Blinker und  fuhr auf einen schwach beleuchteten Rastplatz. Frankie wartete, bis er den Motor abgestellt und die Handbremse angezogen hatte. „Ich werde jetzt in dieses Restaurant gehen. Ich werde in die Damentoilette gehen und warten.“ Sie sah stur geradeaus, ohne einen speziellen Punkt zu fixieren. „Vielleicht irre ich mich, aber ich glaube, wir werden gleich miteinander schlafen.“ Sie drehte sich zu ihm um. „Falls ich mich irre, falls, dann fährst du einfach weiter und vergisst all das. Falls ich mich irre, dann könnte ich nicht mehr mit dir in einem Auto sitzen.“

Sie löste den Gurt, warf die Beifahrertür auf und ging ohne ihn eines weiteren Blickes zu würdigen, die Reisetasche über der Schulter, auf die Raststätte zu.

Paul sah ihr nach. In ihrem langen Haar zeichnete sich ein Knick von ihrem Zopfgummi ab, etwas ihres Nackens. Ihr Kapuzenpullover war viel zu groß, die Jeans hatte einen Riss unterhalb ihres Knies und die alten Turnschuhe sahen aus, als wäre sie einmal zuviel durchs Gras gerannt. Ihre Haltung aber widersprach ihrem derangierten Äußerem, ihre stolze, selbstbewusste Haltung – und ihr facettenreiches Gesicht.

Er konnte sich nicht vorstellen, diesen Sommer nie wieder ihr Gesicht zu sehen. Er konnte sich nicht vorstellen, diesen Sommer durchzustehen, ohne Frankies Geschichte zu kennen. Er konnte sich nicht vorstellen, nicht mit Frankie zu schlafen.

Seine Hand griff nach dem Türöffner.

(Bild via.)

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11 Comments

  1. Ich darf gestehen, dass ich verdammt gespannt bin, wie Du mit der Situation, in die Du Euch vier hineinmanövriert hast, umgehen wirst. Ehrlich.

    Ich freue mich auf eine Fortsetzung.

    1. Sagen wir so: Ich bin auch schon gespannt, wie es weitergehen wird. 😀 So genau weiß ich das beim Schreiben eigentlich nie, es schießen schlichtweg spontan irgendwelche Szenen durch meinen Kopf, die ich dann festhalte. Irgendwann im Laufe der Zeit füge ich die dann in einem großen Word-Dokument zusammen und bastele ein Grundgerüst darum. Was ich bisher schon habe: Den Prolog (jedenfalls im Kopf), einige Ausschnittfetzen, Charakterbeschreibungen und den Schluss (auch nur im Kopf).

  2. ich mag deine texte, weil es dir gelingt, atmosphäre aufzubauen. die stärke liegt darin, dass nichts gekünstelt oder unecht wirkt, sondern sehr authentisch. so schaffst du es auch, eher handlungsarme (ohne negative wertung!) situationen so zu beschreiben, dass man sie gern liest.

    1. Danke – und das Wort handlungsarm fasse ich durchaus nicht als negativ auf, da ich mittlerweile zu den Menschen gehöre, die fast nur noch handlungsarme Sachen lesen. Mir geht es nicht um große Handlungen und unglaubliche Plots, sondern um etwas Echtes, etwas, das irgendwie irgendwo irgendwem, einem von uns, so passieren könnte. Danke jedenfalls für das Kompliment. 🙂

  3. Ich bewundere deinen tollen Schreibstil. Du bringst jeden Satz wunderbar elegant rüber, da gibt es einfach keine Stellen, an denen es holpert. Auch schaffst du es, jede noch so normale Situation „magisch“ wirken zu lassen. Ich freue mich schon auf eine Fortsetzung und weitere Geschichten von dir 😉
    Gruß, Herbstrose

  4. Ich mag Frankie nicht. Ich mag, wie du schreibst und wie sanft und richtig du Sätze erschaffen kannst, das mag ich sehr, aber: Frankie ist eine unsympathische Figur. Selbsteingenommen. Ist das dein Ziel? Ich denke, es ist gut, auch Antipathie zu erzeugen, das macht lesen interessant. Ich bin also gespannt, was Frankie (mit oder ohne Paul) noch veranstalten wird. Und ob ich sie nicht doch eines Tages mögen werde. Ich freue mich auf einen weiteren Teil.

    1. Du hast mich mit dieser Bemerkung sehr inspiriert, Feli. Den dritten Teil habe ich eigentlich nur deinem Kommentar, dass du Frankie irgendwie unsympathisch findest, zu verdanken. Und irgendwie finde ich den dritten Teil bisher am „rundesten“. Danke, danke, danke.

  5. an diesem text gefällt mir am besten pauls erinnern und seine gedanken zur scheidung von karla. den schluss und frankies ‚anmache‘ fand ich ein wenig seltsam…wie soll das denn weitergehen? bin gespannt was noch kommt. in begegnung 3 wird das ja noch nicht aufgelöst…

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