Der Moment ist schön.


Freitag. Die Sonne scheint schon beim Aufwachen und als ich mich umdrehe liegst du einfach so da und siehst mich an. Ich kneife die Augen zusammen und kann nicht so recht glauben, dass das real ist, dass ich hier gerade neben dir liege und dich atmen höre und die Sonne scheint. Du küsst mich und es fühlt sich alles ganz normal an. Fast ein wenig so, als wäre es schon immer so gewesen, das mit uns.

Du stehst auf und gehst in die Küche, um Kaffee zu kochen. Ich bleibe noch ein paar Minuten liegen und genieße die Sonnenstrahlen, die in der Nase kitzeln und freue mich auf den Tag, auch wenn Herausforderungen warten. Auf mich. Auf dich. Auf uns. Wir trinken den Kaffee auf der Couch, meine Füße liegen auf deinen Oberschenkeln und meine Haare breiten sich wie ein Fächer auf dem Sofakissen aus. Der Moment ist schön.

Du musst ein wenig eher los als ich und ich sitze in deiner Wohnung. Die Uhr tickt und irgendjemand in der Nachbarschaft versucht vergeblich den Rasenmäher zu starten. Ich zappe durch die Fernsehkanäle, die Frau vom Frühstücksfernsehen ist so fröhlich, zu fröhlich. Das ertrage ich ja nicht einmal, wenn ich wirklich glücklich bin, so wie gerade. Unter der Dusche benutze ich dein Duschgel. Du bist zwar ordentlich, den Föhn kann ich aber trotzdem nicht finden, also fahre ich mit nassen Haaren auf dem Fahrrad zur Schule. Die Straßen sind leer, die Menschen bei der Arbeit und ich summe irgendeinen alten Madonnasong vor mich hin, der gestern im Radio lief, als ich auf dich gewartet habe.

In der Eingangshalle ist es laut, ein Mädchen (Lisa? Lena? Lana?) spricht mich auf das Buch, das ich ihr leihen wollte, an. Ich kann ihr schlecht sagen, dass ich die Nacht nicht zu Hause verbracht habe und keine Gelegenheit hatte, ihr das Buch mitzubringen, also sage ich, ich hätte es zu Hause vergessen. Sie lächelt, ein wenig wissend, bilde ich mir ein.

Ich habe Mathe, eine Doppelstunde. Mein Platz am Fenster ist warm von der Sonne und ich warte darauf, dass der Unterricht beginnt. Herr Kerner ist einige Minuten zu spät. Nie ist er pünktlich. Als er endlich kommt, beginne ich in meiner Tasche nach den Hausaufgaben zu suchen. „Charlotte, können Sie uns sagen, was Sie bei Nummer 3 raushaben?“ Herr Kerner sieht mich erwartungsvoll an. Ich kann die Notizen nicht finden, aber ich erinnere mich an die Antwort. „7 habe ich raus. Die Antwort ist 7.“ „Ja, das ist richtig Charlotte.“ Herr Kerner sieht mich an und ich schaue zurück, nicht zu lange, nur für einen Moment.

Heute Nacht, da habe ich mit dir geschlafen.

Wir sehen beide weg.

(Bild via.)

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9 Comments

  1. Tückisch ist, dass in der E-Mailbenachrichtigung der letzte Satz fehlt. Hinter „Heute Nacht, da habe ich mit dir geschlafen.“ ist Schluß und es ließ mich im Unklaren darüber, ob Herr Kerner „Du“ und „Dir“ ist.
    So mit offenem Ende finde ich es fast noch schöner.

  2. wegen deines tweets („das ende ist noch nicht perfekt“) maße ich mir jetzt mal so ne art kritik an ;).
    mir ist der vorletzte satz zu.. plakativ. m.m.n. würde es noch besser wirken, wenn die tatsache, dass herr kerner „du“ ist, etwas.. subtiler auf den tisch käme. vllt. ließe sich da eine andere, weniger direkte lösung finden.
    ansonsten aber: toller text! besonders der anfang, bis er die wohnung verlässt, gefällt mir sehr, eine schöne szene, und die athmosphäre kommt gut rüber.
    und die idee an sich, die ist natürlich ebenfalls toll :).

  3. Danke für diese Geschichte, du hast meinen Tag nach der Niederlage von Deutschland gerettet! Sehr schön geschrieben, teilweise sind die Sätze etwas „holprig“, aber es hält sich in Grenzen. Der Schluss hat mich völlig überrollt, was aber auch gut so ist. Ist dir wieder mal sehr gelungen 😉
    Gruß, Herbstrose

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