Was fehlt.

Man sitzt im Garten, in seinem Liegestuhl mit dem Orchideenmusterpolster, der Nagellack blättert, aber es spielt keine Rolle, ein leichter Wind lässt den Sommerkleidsaum sanft flattern. Im Nachbarsgarten sieht man zwei Kinder mit einem zotteligen Hund toben, es riecht nach Grillfleisch, irgendwo spielt jemand Fußball. „Jasper, jetzt SCHIEß endlich!“ Man sitzt also da und ist berauscht von seinen Glücksgefühlen, weil endlich wieder die Sonne scheint und die Kinder glücklich sind und das erste Grillfleisch des Jahres immer das ist, was man in Erinnerung haben wird, wenn die Blätter auf dem Bürgersteig faulen, der erste Schnee fällt.

Und dann wird einem klar, dass das irgendwas fehlt. Vielleicht nicht gerade jetzt, aber später, irgendwann. Da fehlt etwas entscheidendes in der Lebensplanung, die man sich in den letzten Jahren zusammengepuzzlet hat. Die Puzzleteile haben einfach zu perfekt zusammengepasst. In diesem Moment wird einem klar, dass man seine Träume vielleicht ein Stück weit begraben sollte, um sie durch neue ergänzen zu können.

Man sitzt da und möchte plötzlich zwei Kinder, Nathan und Marian oder Mirka und Hanna oder Nathan und Mirka. Zwei Kinder, die einen um 7 Uhr aus dem Bett holen, auch sonntags. Die wollen, dass man das Planschbecken aufbläst, auch wenn es am nächsten Tag regnen wird, die einen Hund möchten und einen Hasen, ein Riesentrampulin und Zuckerwatte nach dem Zähneputzen. Man möchte plötzlich so irrsinnig dringend „Ja, ich will“ sagen und sieht sich abends mit einem Ehemann, der einen durch reinen Blickkontakt versteht, die Gartenstühle zusammenklappen und die Kinder zudecken, den Hund ausschimpfen, Nein, Obama, hör sofort auf, an den Gartenzaun zu pinkeln!, mit den Nachbarn darum wetteifern, wer den schöneren Rasen hat, bei stehender Sommerluft nach einer Hand greifen und sich wortlos darin einig sein: Das haben wir gut gemacht. Das mit den Kindern, Obama, dem Rasen, dem Einfamilienhaus am Stadtrand. Es ist zwar nicht so geworden, wie man sich das mit 17 vorgestellt hat, aber es ist schön. Besser und ehrlich, realer und umsetzbarer. Es passt, weil es eine Kette aus freien, spontanen, lebensbedingten Entscheidungen ist.

Vielleicht möchte ich doch heiraten, irgenwann. Vielleicht möchte ich doch zwei Kinder, irgendwann. Vielleicht möchte ich doch dieses verdammte Einfamilienhaus, irgendwann.

(Bild via.)

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13 Kommentare

  1. Aber zuerst, muss man versuchen die Sache mit dem Erwachsen-werden hinzukriegen, weiterzulaufen, neue Welten zu entdecken, die Sterne am Himmel zu zählen und in Gedanken ein kleines Bisschen um den ganzen Globus zu reisen, mit nichts als Glück, Hoffnung, Wünschen, Träumen und einem grün-orange-gestreiften Schlafsack im Rucksack.

    Oder so.

    Sehr gelacht bei: „Nein, Obama, hör sofort auf, an den Gartenzaun zu pinkeln!“ Habe gerade die Idee, mir irgendwann einen Hamster anzuschaffen und ihn „Dabbelju“ zu nennen – er wäre bestimmt ein gefrässiger Zeitgenosse!

  2. Dieser Text kommt wie gerufen.
    Gestern sass ich draußen, ein Buch in der Hand. Hinter dem Zaun zur Siedlung sind Kinder unterwegs gewesen, und vonirgentwo kam „Herzilein…“
    Ich habe hoch in den weißlich-blauen Himmel gesehen und war glücklich. Bis mir ein Stachel sagte, daß ich dieses Gefühl nicht festhalten kann. Mir gingen dabei ganz ähnliche Dinge durch den Kopf.

  3. Du fasst was andere fühlen – was ich gestern gefühlt habe, als ich auch in meinem Strandkorb saß und mir Gedanken über das leben machte – in Worte. Danke dafür.

  4. Du hast so Recht. Wenn Kinder, Sonne und Grillen zusammen kommen, scheint alles einfach immer perfekt. Ich kann genau verstehen was du meinst. Und falls ich mich doch vielleicht mal für einen Hund entscheiden sollte, kommt der Name Obama auf jeden Fall in die engere Auswahl 😉

  5. Aber bleibt da nicht immer die Angst, zu versagen? Nichts das unperfekt-perfekte zu bekommen, mit Obama-Hündchen und zwei süßen, durchaus launischen, aber süßen Kinderchen, sondern den abslouten Horror? Sind Kinder nicht immer Aufgabe, Verlust? Ich weiß es nicht und ich willwillwill deinem Text glauben und meine braunhaarige Elisa im Blümchenkleid vor Augen haben, aber es macht mir Angst, irgendwann stehen bleiben zu müssen, für ein Kind, so viel es dir auch geben mag. Das ist mal wieder sehr hirnrissig, aber die Pessimistin hat in mir momentan ein großes Comeback. Trotzdem möchte auch ich irgendwie mit Elisa am Strand sitzen und Eis essen – aber wird es so? Wird es irgendwann irgendwie so, wie man es wollte? Bis jetzt noch nie.

  6. irgendwann habt ihr vllt ein kind oder zwei und ihr werdet erkennen , dass man nicht stehenbleibt..es sind phasen im leben…nie wird alles romantisch oder schön sein, aber auch nicht alles mies und ätzend! jede lebensphase hat schönes und weniger schönes…
    plane nicht zuviel, oft kommt das leben ganz anders als du denkst 🙂
    liebe grüsse

  7. Du sprichst mir aus der Seele. Ist es nicht etwas was wir uns alle doch erhoffen? Auch wenn wir es niemals zugeben wollen. Irgendwo träumt man schon von diesem Leben. Ich zumindestens.
    Wunderschöner Text.

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