Keine neuen Rollenangebote.

„Der spielt doch nur eine Rolle“, wird gerne gesagt. „Der ist doch nicht echt.“ Aber was heißt das überhaupt, eine Rolle spielen? Steht der, dem vorgeworfen wird, nur eine Rolle zu spielen, morgens auf und schreibt sich das Drehbuch für den gerade angebrochenen Tag? Wir schreiben den 30. April 2010, die Sonne scheint und gleich muss ich meine Eltern besuchen. Wenn meine Mutter sagt, ich sähe aus, als hätte ich schlecht geschlafen, seit Monaten, dann werde ich entgegnen: „Aber nein, Mama, das Licht lässt meine Haut einfach nur ein wenig fahl aussehen.“ Was ich nicht entgegnen werde ist: „Ich schlafe nie mehr als zwei Stunden am Stück, ich bin einsam und weine mich in den Schlaf, ich kann nicht mehr, aber ich muss. Ich muss doch.“ Reagiert er durchdacht, rational, unspontan, der unechte Mensch? Hat er das Casting zum Mitarbeiter des Monats mit Bravour absolviert, obwohl er lieber gekündigt hätte? Heißt eine Rolle spielen, sich zu verstellen und so zu sein, wie man nicht ist oder heißt es nicht vielmehr, so zu sein, wie man gerne wäre? Ist es bequemer eine Rolle zu spielen, weil man sich dann nicht der Realität zu stellen hat oder wird die Rolle irgendwann zur Realität? Gibt es das überhaupt, für das Individuum? Eine Rolle spielen? Ist nicht alles, was wir tun echt? Wie wir den Postboten anlächeln und eine verunglückte Unterschrift auf seinen elektronischen Block kritzeln, die immer irgendwie aussieht wie Meier, obwohl der eigene Nachname nicht mit M beginnt und auch kein i enthält? Wie wir auf eine Frage antworten, den Kopf schieflegen, nachdenken und antworten, mit Bedacht? Wie wir unser Gegenüber anlächeln und sagen: „Heute ist ein schöner Tag, um“ oder „Hast du Lust zu“. Wenn das alles nicht echt ist, was hat das Leben dann für einen Sinn?

Ich will einfach nicht glauben, dass alles unecht ist da draußen. Dass das alles nicht real ist, sondern nur gespielt. Dann müsste man sich schließlich damit abfinden, dass einem ins Gesicht gelogen wird. Tag für Tag. Minute für Minute. „Ich liebe dich“ wäre nur noch ein Synonym für „Ich will nicht mehr einsam sein“ oder „Vielleicht kann ich an deiner Seite meine Rolle glaubwürdiger spielen“.

Wenn ich ehrlich bin, dann erwische ich mich manchmal dabei. Dabei, mich selbst neu zusammenzubauen. Aus einem Bausatz, der furchtbar zwickt und zwackt und unglücklich macht – aber zum Bausatz der Anderen passt. Vielleicht war da irgendwo diese Abzweigung, an der man die Entscheidung treffen musste, ob man einen Bausatz will, der zu einem selbst oder zu den anderen passt und man hat die Abzweigung übersehen und hat versehentlich den falschen Weg eingeschlagen? Vielleicht. Aber eher nicht.

Vielleicht muss man sich alles ein bisschen wie im Fernsehen vorstellen: Es gibt da die Soapdarsteller, denen man anmerkt, dass sie nur eine Rolle spielen. Es gibt Veronika Ferres, die einem auf die Nerven geht. Und es gibt die Großen, die, denen man glaubt – ganz gleich, ob es nur eine Rolle ist. Bei denen es fast egal ist. Aber eben nur fast.

Ich würde gerne morgens aufwachen und zu dem Schluss kommen, dass es jetzt genug ist. Dass ich keine neuen Rollenangebote mehr annehme. Und dann. Tja. Dann bleibt irgendwie doch alles beim Alten.

Spielst du eine Rolle?

(Bild via.)

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4 Comments

  1. Ich denke, es gibt Momente oder vielleicht sogar Zeiten im Leben, in denen man an der Rolle nicht verbeikommt, in denen wir auch von anderen erwarten, dass sie eine Rolle spielen – weil es dann einfacher ist und wer hat es nicht gerne einfach? Aber trotzdem sollten wir versuchen, so oft wie möglich aus der Rolle zu schlüpfen und echte Sachen zu machen, zu denken, zu sagen, zu fühlen. Denn wenn das passt, wenn der echte Mensch besser passt als die Rolle, wenn man nicht mehr das Bedürfnis hat, hinter der Maske, in der Rolle, sein zu wollen, dann ist man bereit, echt und gleichzeitig gut zu sein. Ich sehe das so wie du: Wir dürfen uns nicht immer nur irgendwie hinbasteln, denn in einer solchen Welt möchte ich nicht erwachen, leben, aber wir können auch nicht erwarten, von heute auf morgen der Mensch zu sein, der wir sein wollen. Wir müssen aus der Rolle herauswachsen, das Kostüm sprengen, oder wie auch immer man das metaphorisch darstellen mag. Wir müssen einfach dranbleiben. Ich denken, damit ist viel getan. Und… natürlich, die Rollenangebote sollten wir ablehnen. Und, zu deiner Frage: Ja, ich spiele eine Rolle. Aber ich werde herauswachsen und echt werden.

  2. Natürlich ist nicht alles echt da draußen. Ebenso natürlich gibt es keine Drehbücher, keine vorgefassten Dialoge.
    Es gibt nur innere Haltungen, Reserviertheit, Distanziertheit, Höflichkeit, Disziplin, Taktik, Strategie, Politik, Benehmen, Umgangsformen die das Verhalten des Einzelnen steuern.

    Wenn ich einen Scheißtag habe und allen die Köpfe von den Hälsen treten möchte – was nützt es da, wenn ich in dem Moment authentisch bin und das alles nach draußen lasse? Was nützt es, wenn ich den Zusteller anmuffele oder gar ungerechtfertigt anfahre, nur weil ich heute neben der Spur laufe?
    Richtig: nichts, denn es vermehrt das Elend nur.
    Ich verderbe auch den anderen den Tag damit und verbreite mein persönliches Unbehagen unter denen, die vielleicht gar nichts dafür können, oder die einfach blöderweise (weil ihr Job es ihnen vorschreibt) zur falschen Zeit am falschen Ort sind und mir begegnen mussten.
    Nein, stattdessen, spüle ich meinen Zorn, Ärger, Kummer, meine Enttäuschung, Verbitterung oder was auch immer mich plagt hinunter, reiße mich zusammen und sammele alle Kraft für einen freundlichen Unterton beim Telefonieren, für ein Lächeln bei der Begegnung mit Anderen um ihnen den Tag ein wenig netter zu machen.
    Das gebieten die Höflichkeit und der gute Benimm.
    Von dem Vorgehen „Kollektivschuld“ halte ich nichts, denn die Bäckereiverkäuferin kann nun wirklich nichts dafür, dass mir irgendwas Blödes passiert ist. Warum also sollte ich sie leiden lassen?

    Ist das verlogen? Vielleicht. Aber immer noch besser, als die Welt um einen herum und die Mitmenschen mit einer Spur der emotionalen Verwüstung zu überziehen und als psychotisches und tyrannisches Pulverfass bekannt zu sein – meiner Meinung nach.

    Und natürlich wird Dir schamlos ins Gesicht gelogen. Leute meinen nicht immer, was sie sagen und wenn es für sie „um etwas geht“, sinkt die Chance, jemanden zu finden, der trotz allem ehrlich zu Dir ist, erheblich.
    Im Job ist ein Gutteil des Erfolgs politisches Taktieren, dazu gehört es auch, Information strategisch richtig zurückzuhalten oder bestimmte Erwartungen und Vorstellungen im Kopf Deines Gegenübers zu erzeugen. (Die Werbung funktioniert so.)

    Es ist nicht alles gut „da draußen“. Es ist nicht alles schlecht „da draußen“. Es gibt nicht nur Wahrheit. Es gibt nicht nur Lüge.
    Das zu unterscheiden ermöglicht Dir Menschenkenntnis, ein wachsamer Geist und das Wissen um die Situation, in der Du und Dein Gegenüber sich gerade befinden.
    Es gibt auch kein „Draußen“ und kein „Drinnen“. Es gibt nur eine Gesamtheit und die nennt sich „Leben“.

    Und wenn Du es genau wissen willst, ob Du angelogen wirst, kümmerst Du Dich um Körpersprache. Allerdings ist das gefährlich. Was Du dabei lernst wirst Du _nie wieder_ ablegen können. Es bereichert, aber es belastet auch ganz erheblich. Das Ding mit „Pandora“ und „Büchse“ muss ich Dir gewiss nicht erklären.

  3. Wie Goffman kurz und knackig zusammenfasste: Wir alle spielen Theater. Das muss so und hat seinen Sinn. Der Trick ist nur die Selbstreflexion (und das Nutzen der realtiven Wahlfreiheit) und dass Du Dich dabei manchmal „erwischst“ seh ich sehr positiv. Es gibt genug Leute, die des Selbsterwischens nicht mächtig sind.

  4. ja. manchmal. da ist immer noch die sache mit der harten schale und dem weichen kern. (kenn ich sehr gut mit den zwei stunden, dem einsam sein und dem weinen.)

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