Silvester. Oder: Feiern, dass es nichts zu feiern gibt.

Silvester. Im Ernst. Ich finde kein Fest sinnloser, als Silvester. Meine Meinung zu Weihnachten hat zwar in den letzten Wochen schon genug für seelische Verätzungen gesorgt, aber bei Silvester bin ich versucht, noch eins draufzusetzen: Wir Menschen feiern, dass es nichts zu feiern gibt. Oder stehen wir etwa nicht zehn Minuten vor Mitternacht, zehn Minuten, bevor das Jahr ein für alle mal beendet ist, irgendwo auf dieser Welt, und verkünden lautstark, ganz gleich ob nüchtern oder weit davon entfernt, dass das neue Jahr einfach besser werden muss, weil das letzte Jahr einfach nur schlecht war? „2010 wird mein Jahr!“, verkünden wir – und das, obwohl wir das auch schon 2008 und 2007 und 2006 und überhaupt gesagt haben. Jedes Jahr aufs Neue hätte uns an Silvester klar werden müssen, dass das Jahr ganz und gar nicht unseres geworden ist – aber daran ist nicht eine höhere Macht schuld, das Schicksal etwa, sondern wir allein. In dieser Hinsicht verlasse ich mich auf abgedroschene Redewendungen: Der Mensch ist des eigenen Glückes Schmied. Aber wir vergessen das viel zu oft, unsere Schmieden haben schon unlängst Insolvenz anmelden müssen, weil wir viel zu selten das Bedürfnis haben zu schmieden. Wir lassen uns treiben, studieren irgendetwas, weil wir meinen, dass uns nach irgendeinem Studium, vorzugsweise Medien-irgendwas, schon klar wird, was das Leben für uns bereit hält – dabei ist es an uns, das Leben dazu zu bringen, dass es etwas bereit hält. Himmel, das Leben ist doch kein Dachboden, auf dem unser Glück gelagert wird, bis wir bereit sind, es auszupacken, es anzunehmen.
Aber eigentlich geht es hier, in diesem Post, um Silvester. Weil heute Silvester ist und ich es bislang noch nicht so recht geschafft habe, das zu verdrängen. Silvester ist eigentlich die Ausgeburt an menschlichem Versagen, präsentiert auf einem zersplitterten Teller ohne Goldrand. Wir machen Vorsätze, die wir sowieso nicht halten werden oder gar können – wären wir nicht so besoffen, dann wüssten wir auch, dass wir diese Vorsätze gar nicht einhalten könnten. Aber wann schon ist der Mensch ehrlich zu sich selbst? Im Schlaf vielleicht, aber nicht im alltäglichen Leben, im Versuch Teil von etwas zu sein, sich anzupassen. Das Individuum steht zurück. Der Mensch vergisst, dass 365 Tage im Jahr der Geist von Silvester über ihm schweben sollte. Wir habe 365 Tage die Chance es richtig zu machen, zu lieben, zu leben, zu verzeihen, zu hoffen, zu kämpfen, sich Träume zu erfüllen, die Welt zu erkunden, an der Seite des Menschen einzuschlafen, dem sein Herz gehört. Nutzen wir diese Chance? Viel zu selten. Fast nie.
Wir klammern uns an den 31. Dezember eines jeden Jahres, weil wir einen Startschuss benötigen. Weil uns jemand diktieren zu scheinen muss, wann wir bereit zu sein haben, aufzustehen und Herr über unser Leben zu werden. Wenn wir nicht im Dezember aufgeräumt haben, warum sollten wir es dann plötzlich im Januar tun? Niemand wacht über uns, niemand tritt uns in den Hintern, niemand zwingt uns zu unserem Glück. Wir selbst müssen uns zu unserem Glück zwingen oder wir werden von der Verbitterung in die Knie gezwungen.
Warum haben wir nicht am 13. März, am 05. Oktober oder am 07. Juli damit angefangen, zu leben? Warum nicht irgendwann, an einem Tag wie jedem anderen? Warum müssen wir uns einen Tag erschaffen, der eigentlich nur dafür da ist, uns von alten Fehlern loszusagen und mit offenen Augen in neue Fehler hineinzurennen? Ich habe noch keine Antwort gefunden und den Tag dementsprechend trotzig auf der Couch verbracht.

(Bild via)

Advertisements

13 Kommentare

  1. Ich denke, wir werden da alle reinerzogen. Als Kind ist es uns doch egal, was das nächste Jahr bringt, man erfreut sich daran, lange wachbleiben zu können und das Feuerwerk zu sehen.
    Wenn man älter wird, wird man von seltsamen Freunden auf zwielichte Silvesterparties eingeladen, auf denen dazu aufgerufen wird, sich zu betrinken. Mitternacht wünschen sich alle ein „gutes neues Jahr“, wie du sagst in der Hoffnung, dass es einfach besser wird als das letzte Jahr. Und auch hier kann man Probleme erkennen; die Menschen sehen all das Schlechte, was ihnen im vergangenen Jahr passiert ist, und hoffen darauf, dass ihnen im nächsten Jahr das große Los zufällt, wie du sagst, ohne etwas dafür tun zu wollen. Sie sehen es in der Sekunde als Möglichkeit, die sie zu ergreifen am nächsten Morgen sicher schon wieder vergessen haben.
    Andererseits ist Silvester meiner Ansicht nach das einzige Fest, das man noch irgendwie nachvollziehen kann, weil es nicht zwangsläufig vom Christentum aufgedrückt wurde. Man muss sich ja nicht seltsame Vorsätze aufzwängen, und man muss sich ja auch nicht hemmungslos betrinken, aber man kann sich selbst und seinen Liebsten wünschen, dass man es schafft, das neue Jahr zu einem erfolgreichen zu machen.

  2. @Daniel „Man muss sich ja nicht seltsame Vorsätze aufzwängen, und man muss sich ja auch nicht hemmungslos betrinken, aber man kann sich selbst und seinen Liebsten wünschen, dass man es schafft, das neue Jahr zu einem erfolgreichen zu machen.“
    das wäre ja langweilig, die ganze Schwarzmalerei dahin=(

  3. Ich finde Silvester hofft man nicht nur, dass das nächste Jahr besser wird. Es soll einfach nur gut werden.
    Aber mit den Geburtstagen feiert man ja im Prinzip dasselbe. Man lebt wieder ein Jahr länger. Nur das es eben kein „kalendarisches“ Jahr ist. Ich denke es gibt den Leuten einfach einen Grund zum Feiern. Und dass Feiern & Spaß haben von vielen heute automatisch mit Alkohol verbunden wird ist ja nicht Silvesters Schuld.
    In diesem Sinne, allen noch ein frohes neues Jahr 😉

  4. Ich feierte, dass es im letzten Jahr tolle Momente gab und dass es neue tolle Momente geben wird. Schön, dass man sich einmal im Jahr die Zeit dafür nimmt. Das Leben rauscht, da kann man ruhig mal innehalten.

  5. Ist die Frage nicht viel mehr, was man denn nun selbst daraus macht? Wenn die ganzen Deppen am Alexanderplatz sich betrinken müssen und dann halb torkelnd noch drei Knaller gefährlichst durch die Luft werfen und darin den Sinn ihres Silvesters sehen, soll mir das Recht sein. Es könnte mich nichts weniger interessieren. Für manche ist Silvester die einjährige Chance zum Durchdrehen. Für mich ist es die Chance, mit Menschen, die mir am Herzen liegen ein paar schöne Stunden zu haben, gemeinsam mit ihnen die bunten Funken im Himmel zu betrachten, gemeinsam die schönen Momente des letzten Jahres vor dem Vergessen zu wahren. Und da ist eine sehr große Legitimation für dieses Fest, das für mich keines ist, sondern ein besonderer Abend, weil ich ihn dazu mache.

  6. Ich finde, dass du viel zu hart mit dem Thema umgehst. Silvester ist für mich der Tag, das Jahr Revue passieren zu lassen und das neue zu begrüßen. Ich verkünde sogar, dass es mein Jahr wird und wünsche dies auch allen meinen Freunden, aber ich weiß, dass 2008, 2009 und all die anderen auch meine Jahre waren. Und dass 2011, 2012… meine Jahre werden. Ich finde es ist schön, dass kurz vor null Uhr, wenn alle darauf warten, dass das neue Jahr beginnt, die Welt für eine kurze Zeit stillzustehen scheint..

  7. Hallo, ich durch Zufall auf diese Seite gestoßen, weil ich bei Google nach Blogs mit ähnlichem Namen wie meinem grad entstehenden gesucht habe.
    Der Blog hat mir sofort gefallen. Die Texte sind echt toll zu lesen.
    Weiter so mit der Bloggerei!
    Gruß die Soggenpuppe.

  8. Das Silvesterfest ist auf den früheren Papst Silvester zurückzuführen, der im Christentum ein „Heiliger“ ist und man ihn an diesem Tage ehrt. Das Heidentum hat diese Feierlichkeit beeinflusst, z.B. Raketen um böse Geister zu vertreiben. Dieses Ritual pflegten damals die Germanen, Römer und auch heute noch die Chinesen.

    Damit wir eine aufgeklärte Gesellschaft bleiben, sollten wir wenigstens wissen, wo diese Feiern ihre Wurzeln haben, die wir feiern. Die Entstehung dieser Feier kann man nicht ändern, und eigentlich auch nicht die Bedeutung, denn wenn du dich vor einer Statue, z.B. einer Kuh niederkniest, sie küsst, beschmückst und was auch immer, gleicht das dem Akt eines praktizierenden Hinduisten und das würde man sicherlich nicht damit erklären, weil es so verdammt geil ist dies zu tun und so ist das auch mit Silvester (und Weihnachten), aber die Menschen fixieren sich sowieso nur auf Feiern, egal welchen Ursprung sie haben und was man da nachahmt, es soll ja gefeiert werden.

  9. Bemerkenswert, dass du dem Hype die Schulter zeigst und nicht auf einen Termin wartest, bist du endlich mal wieder so richtig abfeiern kannst (meistens geht es den Leuten darum, kaum wegen Religion). Willkommen im Club, nur eben, dass ich keine Atheistin bin. 😉

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s