Irgendwie so ziemlich vorbei.

Dafür, dass man sich eine halbe Ewigkeit darüber auslässt, wie scheiße man Weihnachten doch findet, geht der Spuk doch sehr schnell vorbei. Geschenke wechseln den Besitzer, Essen wird vernichtet, man tauscht ein paar Floskeln aus, bleibt emotional aber doch eher unter sich. Nach dem Fest denkt man so bei sich: „Wie, das soll schon alles gewesen sein?“ Irgendwie hat man mehr erwartet. Einen Super-GAU. Oder zumindestens eine kleine Eskalation unter dem Weihnachtsbaum. Stattdessen: Nichts. Allenfalls betretenes Schweigen. Schon am Abend des ersten Weihnachtsfeiertages würde man am Liebsten den Tannenbaum abschmücken, die Geschenkpapierreste im Ofen vernichten und irgendwie zum Alltag übergehen, aber letztlich beginn die zweite Stressphase unmittelbar nach Weihnachten: Die Geschäfte sind völlig überfüllt, weil alle ihr Weihnachtsgeld unter die Leute bringen wollen. Die Schokoweihnachtsmänner weichen in einem Totalausverkauf den Schokoosterhasen. Tannenbäume fliegen aus Fenstern und bringen Knut um – fast jedenfalls. Mir gefällt die Zeit nach Weihnachten aber trotzdem irgendwie. Hektisches Treiben, das zu nichts führt, hat mich schon immer irgendwie fasziniert. Die Leute kaufen sich vom Weihnachtsgeld selbst Geschenke, die sie ebenso gut von ihren Verwandten am Heiligabend hätten bekommen können, wenn diese sich eingehend mit ihren Wünschen beschäftigt hätten. Die Zeit für Schokoweihnachtsmänner ist längst abgelaufen und dennoch kaufen wir sie, weil sie reduziert sind. Und der Deutsche kauft alles, was reduziert ist – selbst halbdefekte Mixer, wenn es denn von ihm erwartet wird. Nur die Sache mit den Tannenbäumen entbehrt einer gewissen Logik nicht: Nadeln auf dem Fußboden, leicht fauliger Geruch im Wohnzimmer, eine deutliche Erinnerung an ein Fest, das irgendwie unter jeglichen allgemeingültigen Erwartungen geblieben ist.

Für mich beginnt dieser Tage die Zeit des Beobachtens, des faszinierten Lächelns, wenn vor mir an der Kasse jemand verzweifelt versucht, das absolut hässlichste Kleidungsstück des ganzen Ladens umzutauschen, obwohl die wohlmeinende Großmutter schon jegliche Etiketten abgetrennt hat, weil die ja immer so auf der Haut schubbern würden. In Cafés sitzen und lesen, während entnervte Mütter ihren Kindern erklären, dass das Christkind erst im nächsten Jahr wieder kommt, nicht schon morgen und überhaupt, Gier sei überhaupt nicht gut. Und dann beginnen die halbherzigen Versuche, einer Vierjährigen die Bedeutung des Wortes Gier zu erklären. Was würde ich sagen, wäre ich die Mutter dieses Mädchens? Jedenfalls nicht, dass Gier ist, wenn man alles haben will. Ich glaube, dass Gier irgendwie auch immer ein bisschen Sehnsucht ist. Man will etwas haben, vielleicht auch zu viel von diesem Etwas, aber meistens nicht, weil man es einfach haben will, ohne tiefergehende Gründe, sondern auch Angst. Aus Angst, dass für einen selbst nichts übrig bleiben könnte. Aus Angst, dass einem etwas abhanden kommt, wenn man nicht fest genug zupackt. Aus Angst, dass man nicht dafür gemacht ist, ein Stück vom großen Etwas abzubekommen.

(Bild via)

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3 Kommentare

  1. Welche Verbitterung in deinen Worten… schade. Schade, dass du nicht die Möglichkeit hast Weihnachten im Kreis deiner Familie zu feiern, die dir und denen du etwas zu sagen hast.

    Zu feiern heißt, gemeinsam einfach zusammen mit Menschen. die dir am Herzen liegen, eine schöne Zeit zu verbringen. Es ist schön, das gemeinsam eingenommene Essen zu genießen und über dies und das zu reden. Einfach an die zu denken, die dieses Weihnachten nicht mehr dabei sein können.

    Zu lachen und vielleicht auch zu weinen, wenn des darum geht, gemeinsam an jemanden zu gedenken, der letztes Jahr noch bei einem war.

    Für mich war Weihnachten bis jetzt ein schönes Erlebnis und ich möchte es nicht missen!

  2. ein weihnachten missfällt die verlogenheit von ge-
    störten bindungen. die werden weihnachten noch-
    mal übertüncht, manchmal in ketten gelegt. da
    wo das nicht stattfindet, kan weihnachten auch ein-
    fach mal schön sein.

  3. Guter Artikel, gefällt mir. Zynisch und böse. Die Worte allerdings, die Sie wählen würden, um einem Vierjährigen die Gier zu erklären… – Anders ausgedrückt: Einem hochbegabten Vierjährigen leuchtet das vielleicht ein… 😉

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